Zählen Hörbücher und Hörspiele als Lesen? Was die Forschung sagt
Von Readigo-Redaktion · 2026-04-26 · 9 Min. Lesezeit
Die Frage hinter der Frage
Wenn Eltern fragen, ob Hörbücher als Lesen zählen, meinen sie meist eines von zwei Dingen. Die einen machen sich Sorgen: Ihr Kind hat Hörbücher entdeckt, hört abends die Toniebox oder „Die drei ???“ und will kein gedrucktes Buch mehr anfassen. Sie fragen sich, ob das bedenklich ist. Die anderen hoffen: Ihrem Kind fällt das Lesen schwer, mit Hörbüchern kommt es leichter zurecht, und sie würden die Hörzeit gern im Lesepass oder Lesetagebuch für die Schule eintragen. Die ehrliche Antwort ist in beiden Fällen dieselbe: Es kommt darauf an, was du aufbauen willst. Lesen ist keine einzelne Fähigkeit, sondern ein Bündel. Dazu gehören das Erlesen (aus Buchstaben Laute und Wörter machen), die Leseflüssigkeit (so schnell erlesen, dass der Sinn ankommt), der Wortschatz, das Weltwissen und das Leseverständnis. Hörbücher bauen einige davon auf, andere nicht. Wer Hörbücher für einen vollwertigen Ersatz für gedruckten Text hält, übersieht die Forschung. Wer sie als Schummeln abtut, ebenfalls. Die richtige Frage lautet nicht „Zählen Hörbücher als Lesen?“, sondern „Wofür sind Hörbücher gut, und wofür muss das Kind weiter selbst auf die Seite schauen?“. Wer das beantworten kann, setzt Hörbücher gezielt ein, ohne schlechtes Gewissen und ohne sie zu überschätzen.
Daniel Willinghams Argument: Erlesen ist nicht Verstehen
Der amerikanische Kognitionspsychologe Daniel Willingham von der University of Virginia schreibt seit Jahren über diese Frage. Seine Sicht hat die meisten ernsthaften Diskussionen über Hörbücher im letzten Jahrzehnt geprägt. Willingham geht vom Simple View of Reading aus: Leseverständnis ist Erlesen mal Sprachverständnis. Erlesen, in der Forschung Dekodieren genannt, ist die Fähigkeit, geschriebene Zeichen in die Laute der Sprache zu übersetzen. Sprachverständnis ist die Fähigkeit, gesprochene Sprache zu verstehen, mit allem, was dazugehört: Wortschatz, Satzbau, Schlussfolgern. Wenn ein geübter Erwachsener leise liest, läuft das Erlesen so automatisch, dass die ganze Denkarbeit beim Verstehen liegt. Das eigene Gehirn liest einem das Buch gewissermaßen vor. Ein Hörbuch überspringt den Schritt des Erlesens und liefert die Sprache direkt an das Verstehen. Deshalb, so Willingham, sind Hörbücher für Erwachsene kein Schummeln. Die eigentliche Arbeit des Verstehens bleibt: Du brauchst den Wortschatz, du musst dem Gedankengang folgen, und du musst Neues mit dem verbinden, was du schon weißt. Weg fällt nur der Teil, der ohnehin automatisch lief. Bei Kindern wird es interessanter. Ein Kind, das noch nicht automatisch erliest, bekommt aus Hörbüchern trotzdem die Seite des Verstehens und der Sprache. Nur das Erlesen übt es dabei nicht. Ein Hörbuch ersetzt das Lesen also zum Teil, nicht ganz. Und die Teile, die es abdeckt, sind genau die, die die meisten Eltern unterschätzen.
Demo
Was die App bei einem kurzen Text hört
Die Demo startet von selbst. Der Text leuchtet Wort für Wort auf, so wie die App einem Kind beim lauten Lesen folgt. Wo das Kind stockt, geht es langsamer weiter. Das Beispiel ist auf Deutsch, die Geschichten in der App sind derzeit auf Englisch, deutsche sind in Vorbereitung.
Der Fuchs Milo fand einen roten Papierdrachen, der hoch in der alten Eiche feststeckte, und zog daran, bis er sich löste.
Schwierige Wörter werden orange markiert.
Was die Forschung zum Verstehen zeigt
Die meistzitierte Studie dazu stammt von Beth Rogowsky, Barbara Calhoun und Paula Tallal aus den USA und erschien 2016 in der Fachzeitschrift SAGE Open. Erwachsene lasen ein Sachbuch, hörten es als Hörbuch oder taten beides gleichzeitig. Danach machten alle denselben Verständnistest. Die Ergebnisse waren in allen drei Gruppen fast gleich, es gab keinen bedeutsamen Unterschied darin, wie viel hängen geblieben war. Andere Studien mit Erwachsenen haben das bestätigt. Es passt zu dem, was die Kognitionswissenschaft erwartet: Sobald das Erlesen automatisch läuft, ist es für das Verstehen ziemlich gleich, ob der Text über die Augen oder die Ohren hereinkommt. Studien mit Kindern zeigen ein gemischteres Bild, und auch das sagt das Simple View of Reading voraus. Jüngere Kinder, die das Erlesen noch aufbauen, verstehen beim Zuhören oft mehr als beim Selbstlesen, weil sie ihre Kraft nicht ins Erlesen stecken müssen. Wird das Erlesen automatisch, bei den meisten Kindern irgendwann zwischen 8 und 11 Jahren, gleichen sich Lese- und Hörverständnis an. Die meisten dieser Studien stammen aus dem englischen Sprachraum. Deutschsprachige Kinder erlesen dank der regelmäßigen Schrift früher sicher, brauchen aber ebenfalls Jahre, bis das Lesen schnell und ohne Mühe läuft. Bei Kindern mit Legasthenie oder LRS kann das Hörverständnis bis ins Erwachsenenalter deutlich über dem Leseverständnis bleiben. Auch deshalb sind Hörbücher für sie so wertvoll. Die praktische Folgerung: Soll dein Kind eine Geschichte aufnehmen, neue Wörter lernen, anspruchsvollen Gedanken begegnen oder Wissen aufbauen, leisten Hörbücher das. Die Forschung stützt das klar.
Wo Hörbücher wirklich helfen
Hörbücher verdienen ihren Platz im Lesealltag eines Kindes aus ein paar bestimmten Gründen. Es lohnt sich, jeden einzeln anzuschauen. Wortschatz. Hörbücher bringen Kinder mit Wörtern zusammen, die sie im Gespräch kaum hören und in Büchern auf ihrem eigenen Leseniveau nicht finden. Ein siebenjähriges Kind, das erste Kinderromane erlesen kann, schafft „Der Hobbit“ nicht allein. Als Hörbuch kann es der Geschichte gut folgen und nimmt unterwegs Dutzende neuer Wörter mit. Verstehen und Ausdauer beim Zuhören. Einer langen Geschichte zu folgen heißt, Figuren, Handlungsstränge und Einzelheiten über Stunden im Kopf zu behalten. Das ist echte Denkarbeit, und sie kommt dem Leseverständnis zugute, sobald das Erlesen nachzieht. Lesemuffel. Ein Kind, das Bücher hasst, hasst selten Geschichten. Hörbücher wecken die Freude am Erzählen wieder, ohne die Mühe des Erlesens. Manchmal öffnet das die Tür zurück zum Buch, sobald der Widerstand nachlässt. Legasthenie und LRS. Für Kinder, denen das Erlesen immer Mühe machen wird, sind Hörbücher mehr als eine Erleichterung. Über sie erreicht das Kind die Inhalte seiner Klassenstufe, während die Förderung beim Lesen getrennt weiterläuft. Amerikanische Studien zu Learning Ally, einem US-Programm mit Hörbüchern für Schülerinnen und Schüler mit Legasthenie, und zu ähnlichen Angeboten zeigen durchweg bessere Schulleistungen. Eine Diagnose oder eine Lerntherapie ersetzen Hörbücher nicht. Lange Autofahrten, Schlafenszeit, Zeit ohne Bildschirm. Mit Hörbüchern finden Geschichten auch dort statt, wo ein Buch in der Hand unpraktisch ist. Das ist echte Zeit mit Sprache, die es sonst nicht gäbe. In Deutschland ist das ein Vorteil, denn Hörspiele gehören hier in vielen Kinderzimmern dazu, von „Bibi Blocksberg“ und „Benjamin Blümchen“ bis zu den „drei ???“, heute oft über die Toniebox. Ein Unterschied lohnt den Blick: Ein Hörbuch ist ein vorgelesenes Buch, ein Hörspiel eine gespielte Geschichte mit verteilten Rollen und Geräuschen. Für Wortschatz und Verstehen zählen beide, das Hörbuch bringt aber die Sprache des Buches mit, mit längeren Sätzen und Beschreibungen. Viele Stadtbibliotheken verleihen Hörbücher und Hörspiele, als CD oder digital über die Onleihe. Bei all diesen Einsätzen ist es ein Fehler, Hörzeit als vertane Zeit abzutun. Die Denkarbeit ist echt, auch wenn die Augen nicht auf der Seite sind.
Wo Hörbücher das Lesen nicht ersetzen
Die andere Seite zählt genauso. Hörbücher bauen nicht auf, was nur entsteht, wenn das Kind selbst auf die Seite schaut. Ein Kind, das nur hört, verpasst einen Teil der wichtigsten Arbeit der Grundschuljahre. Übung im Erlesen. Jedes Mal, wenn ein Kind ein Wort erliest, festigt sich im Gehirn die Verbindung zwischen Buchstaben und Lauten. Hörbücher lassen das aus. Ein Kind, das nur hört, baut nicht die automatische Worterkennung auf, die flüssiges Lesen braucht. Häufige Wörter auf einen Blick erkennen. Flüssiges Lesen hängt davon ab, Tausende häufige Wörter sofort zu erkennen, ohne sie bewusst zu erlesen. Das kommt nur davon, diesen Wörtern immer wieder gedruckt zu begegnen. Hörbücher erweitern den Wortschatz beim Hören, aber nicht das Erkennen der Wortbilder, auf dem schnelles leises Lesen beruht. Rechtschreibung und Schreiben. Kinder, die viel selbst lesen, speichern, wie Wörter aussehen. Das zeigt sich später beim Schreiben. Im Deutschen ist das besonders wichtig, denn vieles hört man nicht: ob Vater mit V geschrieben wird, ob in Bahn ein h steht oder in Biene ein ie. Wer nur hört, verpasst diese Übung. Auch deshalb schreiben Kinder, die viel hören und wenig lesen, manchmal schlechter, als ihr Leseverständnis erwarten ließe. Ausdauer mit Text. Sich 30 oder 40 Minuten auf eine Seite zu konzentrieren, ist eine eigene Fähigkeit, und sie muss geübt werden. Hörbücher bauen Ausdauer beim Zuhören auf. Das ist verwandt, aber nicht dasselbe. Eigenes Tempo und Zurücklesen. Wer liest, kann an einem schweren Satz langsamer werden, einen Absatz noch einmal lesen oder kurz nachdenken. Wer hört, gleitet an schwierigen Stellen eher vorbei, weil er zum Anhalten bewusst auf Pause drücken muss. Das schadet dem genauen Verstehen schwieriger Texte. Nichts davon heißt, dass Hörbücher schlecht sind. Bei Grundschulkindern ergänzen sie das Lesen gedruckter Texte. Sie ersetzen es nicht.
Wie du beides verbindest
Für die meisten Familien mit Kindern von 6 bis 12 Jahren ist die Frage nicht, ob Hörbücher erlaubt sind, sondern wie man sie so mit Büchern verbindet, dass alle Fähigkeiten wachsen. Ein Rahmen, der sich in vielen Familien bewährt: Gedrucktes Lesen ist die tägliche Übung. Ziel sind 15 bis 20 Minuten am Tag, laut oder leise, an Texten, die zur Klassenstufe passen. Dort wachsen Erlesen, Leseflüssigkeit und das schnelle Erkennen häufiger Wörter. Diese Zeit lässt sich weder weglassen noch durch Hören ersetzen. Hörbücher sind für anspruchsvolle Geschichten und den Alltag. Mit ihnen erreicht dein Kind Bücher über seinem eigenen Leseniveau, füllt Autofahrten und die Zeit vor dem Einschlafen und findet zu Geschichten zurück, wenn das Lesen gerade anstrengt. Sie bauen Wortschatz und Verständnis auf, wie es Bücher auf dem Niveau, das dein Kind allein schafft, oft nicht können. Hören und mitlesen, wann immer es geht. Manche Hörbuch-Apps zeigen den Text beim Hören mit an. Sonst legt ihr das Buch daneben, denn viele Kinderbücher gibt es auch als Hörbuch. Für Kinder, die an ihrer Leseflüssigkeit arbeiten, ist das eine gute Verbindung: Die Stimme macht Betonung und Tempo vor, und die Augen üben trotzdem das Erlesen. Sprich über das Gehörte wie über ein gelesenes Buch. Hörbücher helfen dem Verstehen nur, wenn dein Kind auch zuhört, und ein Gespräch ist der einfachste Weg, das herauszufinden. Mach den Lesepass nicht zum Streitpunkt. Will die Schule ausdrücklich Minuten mit gedrucktem Text, trag Minuten mit gedrucktem Text ein. Hörzeit hat ihren eigenen Wert. Sie muss nicht als „Lesen“ verbucht werden, um deinem Kind etwas zu bringen.
Was Hörbücher nicht leisten können: lautes Lesen mit Rückmeldung
Einen Teil des Lesenlernens berühren Hörbücher überhaupt nicht. Er verdient eine eigene Erwähnung, weil er in vielen Familien heute zu kurz kommt. Lautes Lesen, während jemand zuhört und Fehler verbessert, ist die am besten belegte einzelne Maßnahme für die Leseflüssigkeit. Das US-amerikanische National Reading Panel hat sie eigens hervorgehoben, und in amerikanischen Schulen bauen Förderlehrkräfte ihre Woche darum herum. In deutschen Schulen kennt man das Prinzip als Lautleseverfahren, etwa das Lautlesetandem nach Rosebrock und Nix. Genau das bringt ein Kind vom Wort-für-Wort-Erlesen zum flüssigen, betonten Lesen. Hörbücher bewirken das Gegenteil: Das Kind hört zu, statt zu lesen. In einer Familie, die sich aus Bequemlichkeit und fürs Verstehen stark auf Hörbücher und Hörspiele stützt, kann am Ende ein Kind stehen, das einen großen Wortschatz hat und viel versteht, aber beim lauten Lesen überraschend holprig ist. Der Weg vom Buchstaben zum Laut wird zu selten gegangen. Für diese Lücke ist Readigo gebaut. Die App hört zu, während dein Kind laut liest, und meldet sofort zurück, so wie es ein geduldiger Erwachsener täte. Sie bewertet Genauigkeit, Leseflüssigkeit, Lesetempo und Deutlichkeit, markiert die Wörter, an denen dein Kind hängen geblieben ist, merkt, wenn das Tempo nicht passt, und schließt so den Kreis aus Lesen, Rückmeldung und neuem Versuch, der aus wackligem Lesen flüssiges macht. Die Geschichten in Readigo sind derzeit auf Englisch, gut zum Englischlesen ab der Grundschule. Deutsche Geschichten sind in Vorbereitung. Für Familien, die Hörbücher schon gut nutzen und nur einen Weg suchen, das tägliche laute Lesen auch an vollen Abenden unterzubringen, füllt die App genau die Lücke, die Hörbücher offenlassen. Du musst nicht jeden Abend selbst zuhören. Hörbücher plus tägliches lautes Lesen mit Rückmeldung ist nach unserer Erfahrung die Kombination, aus der die vielseitigsten Leserinnen und Leser hervorgehen.
Unterm Strich
Hörbücher sind echtes Lesen für alles, was oberhalb des Erlesens passiert: Verstehen, Wortschatz, Ausdauer beim Zuhören und die Liebe zu Geschichten. Darin ist sich die Forschung seit Jahren einig. Für das, was beim Erlesen selbst passiert, sind sie kein Lesen: das schnelle Erkennen häufiger Wörter, das flüssige laute Lesen, die Rechtschreibung und das Erkennen der Wortbilder, auf dem schnelles leises Lesen beruht. Dafür braucht es weiter Augen auf der Seite und am besten einen Mund, der die Wörter ausspricht, während jemand zuhört. Die Antwort auf „Zählen Hörbücher als Lesen?“ lautet also: Ja, für das meiste, was Lesen einem Menschen gibt. Nein, für die Grundlagen, die Grundschulkinder gerade noch aufbauen. Nutz Hörbücher und Hörspiele großzügig. Du musst dich nicht schuldig fühlen, weil im Auto, vor dem Einschlafen oder auf langen Flügen etwas läuft. Das Zuhören leistet echte Arbeit. Aber halt jeden Tag 15 bis 20 Minuten frei, in denen dein Kind selbst gedruckten Text liest und jemand oder etwas Rückmeldung gibt. Diese Arbeit können Hörbücher nicht übernehmen. Wenn beides seinen Platz hat, wächst ein Kind heran, das liest, in jeder Bedeutung des Wortes.
Quellen
- Daniel Willingham - Is listening to an audio book "cheating"?
- Rogowsky, Calhoun & Tallal (2016) - Does Modality Matter? The Effects of Reading, Listening, and Dual Modality on Comprehension (SAGE Open)
- National Reading Panel - Teaching Children to Read (NICHD)
- Reading Rockets - Audiobooks and reading development
- International Literacy Association - Children's Rights to Read