Lautgetreue Erstlesebücher: was sie sind und wie du sie zu Hause nutzt
Von Readigo-Redaktion · 2026-05-17 · 13 Min. Lesezeit
Kurz gesagt
Im Englischen heißen sie „decodable books“: Bücher für Leseanfänger, deren Text nur Buchstaben-Laut-Muster enthält, die das Kind schon gelernt hat. Jeder Band bringt einen neuen Laut oder ein neues Muster dazu, so dass das Kind jedes Wort erlesen kann und nichts aus dem Bild raten muss. Für Kinder, die Englisch lesen lernen, ist das besonders wichtig, weil die englische Schreibung so unregelmäßig ist. Im Deutschen übernimmt in der Schule die Fibel diese Aufgabe. Zu Hause sind es Erstlesebücher nach Lesestufen und Silbenbücher mit Silbenbögen oder farbigen Silben. Der Grundgedanke gilt in beiden Sprachen: Dein Kind sollte an Texten üben, die es wirklich erlesen kann. So wachsen Sicherheit und Genauigkeit schneller als mit Büchern, in denen es viel raten muss.
Was einen Text „lautgetreu“ macht
Ein Text ist im hier gemeinten Sinn lautgetreu, wenn er bewusst begrenzt ist: Er enthält nur Buchstaben und Buchstabengruppen, die dein Kind schon gelernt hat. Kennt ein Kind in den ersten Schulwochen M, A, O, I, L und S, kann es Mama, Oma, Lama, Limo und Salami erlesen. Fisch gehört noch nicht dazu, solange sch nicht dran war, und Vater auch nicht, weil man das V hier wie f spricht. Solche Wörter kommen erst, wenn die Fibel sie eingeführt hat, als neuen Buchstaben oder als Merkwort. Englische decodable books arbeiten genauso, nur mit englischen Mustern: cat, hat, sat, dog ja, light (die Buchstabengruppe igh) oder was (gesprochen anders als geschrieben) erst, wenn sie ausdrücklich geübt wurden. Drei Merkmale unterscheiden einen solchen Text von einem gewöhnlichen Erstlesebuch. 1. Ein fester Lehrgang vom Einfachen zum Schweren. Eine englische Reihe dieser Art hat einen veröffentlichten Lehrgangsplan, im Englischen „scope and sequence“: eine Übersicht, welcher Laut in welchem Band dazukommt. Die ersten Bände bleiben bei kurzen Wörtern aus Konsonant, Vokal und Konsonant. Dann folgen Buchstabengruppen (sh, ch, th, ck), Konsonantenhäufungen (bl, st, str), lange Vokale mit stummem e (bike, cape, rope), Vokalverbindungen (ai, ea, oa) und schwierigere Muster. Am Ende einer vollständigen Reihe, etwa 80 bis 120 kleiner Bände, ist ein Kind durch alle wichtigen Muster der englischen Schreibung gegangen. Eine deutsche Fibel folgt demselben Prinzip mit ihrer festen Buchstabenfolge. Die passenden Lesetexte stehen in der Fibel selbst und in den Leseheften, die zu ihr gehören. 2. Zum Erlesen geschrieben, nicht zum Raten. Ein vorhersagbares Buch („Ich sehe eine Katze. Ich sehe einen Hund. Ich sehe einen Hut.“) lädt dein Kind ein, den Satzanfang auswendig aufzusagen und das letzte Wort aus dem Bild einzusetzen. Das ist Raten nach Muster, kein Lesen. Ein lautgetreuer Text ist so geschrieben, dass dein Kind jedes Wort erlesen muss. Über das Bild kommt es nicht weiter. So übt es genau das, was es später bei jedem Wort ohne Bild braucht: Buchstaben in Laute übersetzen und die Laute zusammenschleifen. 3. Aus der Förderung bei Legasthenie gewachsen. Der englischsprachige Markt für solche Bücher ist aus der Orton-Gillingham-Tradition entstanden. Dieser Ansatz strukturierter Leseförderung gilt in den USA seit den 1930er-Jahren als Maßstab für den Leseunterricht, vor allem bei Kindern mit Legasthenie. Seriöse Verlage veröffentlichen dort ihren Lehrgangsplan und ordnen ihn einem solchen Rahmen zu. Im deutschen Sprachraum spielt Orton-Gillingham kaum eine Rolle. Hier geht die Fibel Buchstabe für Buchstabe vor, und in der LRS-Förderung arbeiten Programme wie der Kieler Leseaufbau nach einem ähnlichen Prinzip.
Demo
Was die App bei einem kurzen Text hört
Die Demo startet von selbst. Der Text leuchtet Wort für Wort auf, so wie die App einem Kind beim lauten Lesen folgt. Wo das Kind stockt, geht es langsamer weiter. Das Beispiel ist auf Deutsch, die Geschichten in der App sind derzeit auf Englisch, deutsche sind in Vorbereitung.
Der Fuchs Milo fand einen roten Papierdrachen, der hoch in der alten Eiche feststeckte, und zog daran, bis er sich löste.
Schwierige Wörter werden orange markiert.
Lautgetreu, nach Lesestufen oder vorhersagbar: der Unterschied
Diese drei Arten von Büchern werden ständig verwechselt. Der Unterschied ist wichtig: Wer einem Kind in der 1. Klasse die falsche Sorte gibt, kann es beim Lesenlernen um ein Jahr oder mehr bremsen. Die amerikanische Debatte, aus der diese Einteilung stammt, betrifft deutsche Bücher allerdings nur zum Teil. Lautgetreue Bücher. Der Text ist nach Buchstaben-Laut-Mustern begrenzt. Dein Kind kann jedes Wort mit den Lauten erlesen, die es gelernt hat. Für Kinder, die Englisch lesen, sind das Reihen wie Bob Books (die erste solche Reihe für den breiten Markt, aus den 1970er-Jahren), Flyleaf Publishing, die Decodable Readers von Reading A-Z, Half-Pint Readers, Geodes von Great Minds oder die Bände von S.P.I.R.E. Sie sehen oft schlicht aus: kleines Format, Strichzeichnungen, wenige Seiten. Das ist Absicht. Die Bedeutung soll aus den Wörtern kommen, nicht aus den Bildern. Bücher nach amerikanischem Stufensystem. In amerikanischen Schulen sind die meisten Bücher nach einem Stufensystem sortiert, etwa nach Fountas & Pinnell (A bis Z), nach den Stufen von Reading Recovery (1 bis 30) oder nach DRA. Diese Systeme sind um das inzwischen widerlegte Three-Cueing-Modell herum entstanden (Marie Clays MSV: Meaning, Syntax, Visual). Kinder lernen dabei, ein Wort zuerst aus Bild und Zusammenhang zu erschließen und erst zuletzt auf die Buchstaben zu schauen. Die untersten Stufen (A, B, C) sind ausdrücklich vorhersagbar: derselbe Satz, jedes Mal mit einem anderen Wort am Ende („I like apples. I like bananas. I like grapes.“). Das ist Aufsagen, kein Lesen. Die Lesestufen deutscher Erstlesereihen sind etwas anderes. Leserabe, Bücherbär oder Duden Leseprofi stufen vor allem nach Textmenge, Satzlänge und Schriftgröße, und viele Bände gibt es mit Silbenmarkierung. Auf Raten sind sie nicht angelegt. Streng lautgetreu sind sie aber auch nicht: In einem Band der ersten Lesestufe können Schule, Pferd oder Fahrrad stehen, auch wenn die Klasse sch und pf noch gar nicht hatte. Ob ein Band schon passt, zeigt deshalb erst der Test beim Lesen (siehe unten). Vorhersagbare Bücher mit Satzmuster. Hier wiederholt sich der Satzrahmen, damit das Kind das nächste Wort aus Muster und Bild erraten kann. Zum Vorlesen sind solche Bücher in Ordnung, für eine Dreijährige auf dem Schoß sogar wunderbar. Für ein Kind, das gerade erlesen lernt, sind sie nicht gedacht, weil sie genau die falsche Gewohnheit einüben. Diesen Unterschied beschreibt der amerikanische Kognitionswissenschaftler Mark Seidenberg in Language at the Speed of Sight (2017). Er hält das auf Raten gebaute System aus vorhersagbaren und gestuften Büchern für einen Grund, warum in den USA Generationen von Kindern schlechter lesen lernten als nötig, vor allem Kinder mit Legasthenie und Kinder aus Familien, in denen wenig gelesen wird. Lautgetreue Bücher sind dort die Alternative. Sie sind nicht das ganze Lesen (Vorlesen und richtige Kinderbücher gehören dazu), aber für das eigentliche Erlesen-Lernen sind sie das passende Werkzeug. Im deutschen Sprachraum entsprach dem Raten am ehesten die Ganzwortmethode, von der die Schulen schon vor Jahrzehnten weitgehend abgerückt sind. Ein einfacher Test: Kann dein Kind ein Buch „lesen“, indem es auf Bilder und Satzmuster schaut, statt die Wörter zu erlesen, dann übt es mit diesem Buch das Raten. Nimm ein anderes.
Warum Kinder Texte brauchen, die sie erlesen können
Die Begründung stützt sich auf einen der am besten gesicherten Befunde der Leseforschung. Das US-amerikanische National Reading Panel (2000) sichtete rund 100.000 Lesestudien und wertete die viel kleinere Auswahl, die seinen Kriterien genügte, in Metaanalysen aus. Es zählte den systematischen, ausdrücklichen Unterricht in der Buchstaben-Laut-Zuordnung zu den fünf Säulen wirksamen Leseunterrichts und nannte ihn besonders wichtig für Kinder, denen Leseschwierigkeiten drohen. Der Mechanismus ist einfach. Damit ein Kind liest, muss sein Gehirn lernen, dass Buchstaben für Laute stehen und Laute sich zu Wörtern verbinden. Im Englischen ist das mühsam: Rund 44 Laute werden dort mit etwa 250 Buchstaben und Buchstabengruppen geschrieben, und dieselbe Schreibung klingt oft verschieden. Im Deutschen ist die Zuordnung viel regelmäßiger, ein Buchstabe oder eine Buchstabengruppe steht fast immer für denselben Laut. Das Prinzip ist trotzdem dasselbe. Das Kind verinnerlicht den Code, indem es Wörter liest, die den Code verwenden, immer wieder, bis die Zuordnung von selbst läuft. Die amerikanische Leseforscherin Maryanne Wolf (Proust and the Squid, 2007, deutsch: Das lesende Gehirn) beschreibt das als Aufbau eines „Leseschaltkreises“ im Gehirn. Texte, die das Kind erlesen kann, sind das Übungsmaterial für diesen Aufbau. Jeder Band gibt ihm hundert oder zweihundert Gelegenheiten, die gerade gelernten Muster anzuwenden. Für das Englische heißt es, nach 30 kleinen Bänden zum kurzen a sitze dieses Muster. Im Deutschen sind weniger Ausnahmen zu lernen, und deutschsprachige Kinder können meist früher fast jedes Wort erlesen als englischsprachige. Danach wird das Tempo zur Hürde: Die Wörter sollen ohne Anstrengung kommen, nicht Laut für Laut. Dafür braucht ein Kind keine streng begrenzten Texte mehr, sondern viel lautes Lesen an Texten, die gut zu schaffen sind. Die Alternative, einem Leseanfänger ein Buch voller Wörter zu geben, die er noch nicht erlesen kann, lässt ihm nur drei Auswege: - Aus den Bildern raten. Das übt Raten, nicht Lesen, und es funktioniert nur, solange es Bilder gibt. - Ganze Wörter auswendig lernen. Das geht für die ersten 50 bis 100 Wörter gut, dann ist Schluss. Es gibt zu viele Wörter, um sie alle als Ganzes zu speichern. Das Gehirn muss den Code lernen. - So tun als ob. Manche Kinder entwickeln Ausweichstrategien: Sie schauen den Eltern ins Gesicht, wiederholen Wörter von der vorigen Seite oder huschen schnell über die Zeile. Es sieht aus, als würde das Kind lesen. Es liest aber nicht. Ein Text, den das Kind erlesen kann, versperrt diese Auswege. Es bleibt nur ein Weg, nämlich die Laute, die es gelernt hat. Genau dieser Weg wirkt nach allem, was die Leseforschung weiß. Wie die fünf Säulen zusammenhängen und wie du jede zu Hause stärkst, steht in Wie bringe ich meinem Kind das Lesen bei?.
So setzt du sie zu Hause ein
Erstlesebücher und Lesehefte sind kein Lehrgang, sondern Übungsmaterial. Sie ergänzen den Leseunterricht in der Schule und ersetzen ihn nicht. Am meisten bringen sie, wenn sie zu dem passen, was in der Fibel gerade dran ist. Frag die Lehrkraft, welche Buchstaben die Klasse schon hatte, oder schau selbst in die Fibel. Eine feste Übungszeit von 15 Minuten, jeden Tag. Dein Kind liest laut aus einem Buch auf seinem Stand, und du hörst zu. Bevor du ein Wort vorsagst, wartest du drei Sekunden. Mitten im Satz unterbrichst du nicht. Ist der Satz zu Ende und es gab einen Fehler, geht ihr zurück: Du zeigst auf das Wort, dein Kind erliest es noch einmal, und wenn nötig hilfst du. Genau dieses Muster stützt die Leseforschung seit 50 Jahren: tägliches lautes Lesen mit Rückmeldung. Wiederholtes Lesen. Samuels (1979) zeigte, dass ein Kind flüssiger liest, wenn es denselben kurzen Text drei- oder viermal liest, und dass sich das auf neue Texte überträgt. Nehmt also nicht jeden Tag ein neues Buch. Lest drei oder vier Tage lang dasselbe, bis es glatt und sicher klingt, und erst dann das nächste. Für dich ist das eintönig, für die Leseflüssigkeit deines Kindes eine der wirksamsten Übungen. In der Schule gehört es zu den Lautleseverfahren. Lautgetreue Texte und Vorlesen gehören zusammen. Das Erstlesebuch liest dein Kind. Den Kinderroman liest du ihm vor. Am Erstlesebuch übt es das Erlesen, beim Vorlesen wachsen Wortschatz, das Gespür für den Aufbau von Geschichten und das Verstehen. Es braucht beides. Bücher zum Abwechseln wie die Reihe „Erst ich ein Stück, dann du“ verbinden die beiden Rollen: Du liest den längeren Teil, dein Kind die kurzen Sätze in großer Schrift. (Wie viel Zeit beides braucht, steht in Wie viele Minuten am Tag sollte mein Kind laut lesen?) Erwarte keine große Literatur. Streng lautgetreue Übungshefte sind selten spannend, viele sind ziemlich trocken. Es geht um die Übung an den Lauten, nicht um die Geschichte. Die Erstlesereihen erzählen meist lebendiger, sind dafür aber weniger streng begrenzt. Für Spannung und schöne Sprache sorgt das Vorlesen. Wähl das Buch nach dem Stand deines Kindes. Ist ein Buch zu schwer, fängt dein Kind an zu raten. Ist es zu leicht, langweilt es sich. Dein Kind sollte etwa 95 % der Wörter richtig lesen, mit ein wenig Anstrengung. Geht mehr als eines von 20 Wörtern daneben, nimm eine Stufe leichter.
Reihen, die du kennen solltest
Für Kinder, die Englisch lesen, ist das Angebot an decodable books in den letzten fünf Jahren stark gewachsen, seit die Leseforschung (im Englischen: Science of Reading) in den USA in der breiten Öffentlichkeit angekommen ist. Du musst nicht jede Reihe kaufen. Such dir eine oder zwei aus und arbeite sie der Reihe nach durch. Bob Books. Das Original, gegründet 1976. Günstig, schlicht, weiter lieferbar. Zwölf Sets, von den einfachsten Buchstabenlauten bis zu mehrsilbigen Wörtern. Die meisten amerikanischen Familien fangen mit dem ersten Set an („Set 1: Beginning Readers“). Flyleaf Publishing. Jünger, pädagogisch genauer durchdacht und sorgfältiger gemacht, mit schöneren Illustrationen und längeren Texten. Die Sets Emergent Readers und Early Readers nutzen in den USA viele Förderlehrkräfte. Geodes (Great Minds). Lautgetreue Bücher über echte Sachthemen (Tiere, Wetter, Geschichte). Sie sollen sich weniger nach Lautübung und mehr nach richtigen Büchern anfühlen. In amerikanischen Schulprogrammen der strukturierten Leseförderung weit verbreitet. Half-Pint Readers. Liebevoll illustriert und bei Eltern jüngerer Kinder beliebt. Die Sets sind nach Lauten geordnet und gedruckt wie digital erhältlich. Reading A-Z (Decodables). Eine große digitale Bibliothek, zugänglich per Abo oder über Lehrkräfte mit Schullizenz. Hunderte Bände zu jedem Schritt. Gut, wenn du viel Material brauchst. Decodable Comics (Phonic Books). Eine britische Reihe, die auch in Nordamerika beliebt ist. Die Comiczeichnungen nehmen den Büchern den Übungscharakter. Gedacht für etwas ältere Kinder (7 bis 11 Jahre), denen das Lesen schwerfällt und die keine „Babybücher“ mehr wollen. Und auf Deutsch? Reihen nach amerikanischem Vorbild sind hier selten, und sie werden auch weniger gebraucht: Die Schrift ist regelmäßiger, und die Fibel bringt die begrenzten Lesetexte selbst mit. Am nächsten kommen ihnen die Materialien zur Silbenmethode aus dem Mildenberger Verlag, also die Silbenfibel „ABC der Tiere“ und die Heftreihe „Lesestart mit Eberhart“, deren erste Lesestufe einen Satz pro Seite in zwei Silbenfarben bringt. Ähnlich eng geführt sind die Hefte von „Lies mal!“ aus dem Jandorf Verlag, die von der Silbe zum Wort gehen. Danach kommen die Erstlesereihen nach Lesestufen: Leserabe (Ravensburger, ab der 1. Lesestufe, viele Bände auch mit der Mildenberger Silbenmethode), Der Bücherbär (Arena, mit Silbentrennung), Lesetiger aus der Loewe-Leseleiter und Duden Leseprofi. Prüf bei jedem Band mit dem Test von oben, ob dein Kind erliest oder rät. Du musst dafür kein Geld ausgeben. Stadtbibliotheken und Gemeindebüchereien haben Erstlesereihen meist in großer Zahl, und der Ausweis für Kinder ist meist kostenlos. Frag in der Schulbücherei, bei der Lehrkraft oder in der Kinderabteilung der Bibliothek.
Wann dein Kind keine lautgetreuen Texte mehr braucht
Lautgetreue Texte sind Stützräder, und irgendwann fährt dein Kind ohne. Es braucht sie nicht mehr, wenn es die meisten Muster automatisch und genau erliest. Amerikanische Fachleute rechnen für englischsprachige Kinder mit 6 bis 12 Monaten regelmäßiger Übung, bei Legasthenie mit mehr. Deutschsprachige Kinder kommen dank der regelmäßigen Schrift meist schneller dorthin. Bei vielen sitzt das Erlesen am Ende des ersten Schuljahrs weitgehend, danach geht es vor allem um das Tempo. Woran du merkst, dass es Zeit für den nächsten Schritt ist: - Es liest kurze Bücher flüssig. Auf Deutsch etwa Bände der Lesestufe 2 und 3 oder erste kurze Kinderromane wie „Die Olchis“ oder „Der kleine Drache Kokosnuss“. Für Kinder, die Englisch lesen, sind es Bücher wie Frog and Toad, Henry and Mudge, Mercy Watson oder Elephant and Piggie. Dein Kind liest in ordentlichem Tempo und betont und erliest neue Wörter ohne große Mühe. - Das Lesetempo passt ungefähr zur Klasse. Die amerikanischen Richtwerte von Hasbrouck und Tindal (2017) liegen für englische Texte bei rund 50+ richtig gelesenen Wörtern pro Minute am Ende der 1. Klasse und rund 90+ am Ende der 2. Klasse. Deutsche Wörter sind länger, die deutschen Orientierungswerte liegen deshalb niedriger. - Es verbessert sich selbst. Liest dein Kind ein Wort falsch, geht es von allein zurück und versucht es noch einmal, statt weiterzuraten. - Es wählt Bücher nach dem Inhalt. Es greift zu einem Kinderroman, weil die Geschichte spannend klingt, nicht nur, weil die Bilder gefallen. Trifft das zu, haben die lautgetreuen Texte ihre Arbeit getan. Jetzt sind leichte Kinderromane dran, die Brücke zwischen Erstlesebuch und richtiger Kinderliteratur. Die meisten Kinder kommen im Lauf der 2. Klasse dort an, mit 7 oder 8 Jahren. Bei Kindern mit Legasthenie oder bei langsameren Lesern sind 8 oder 9 Jahre normal. An schwierigen Stellen kann die gezielte Übung weitergehen. Im Deutschen sind das lange Wörter und Zusammensetzungen, Wörter mit Dehnungs-h, ie oder doppelten Mitlauten und Wörter mit Vor- und Nachsilben. Silbenweises Lesen hilft hier am meisten. Den größten Teil der Lesezeit sollten jetzt aber richtige Bücher bekommen. Dein Kind kennt den Code und wendet ihn auf echte Geschichten an.
Erstlesebücher und Vorlesen verbinden
Mit lautgetreuen Texten allein wird kein Kind zur Leserin oder zum Leser. Jim Treleases Read-Aloud Handbook, das bekannteste amerikanische Elternbuch zum Thema, beruht auf dem Befund, dass tägliches Vorlesen weit über dem eigenen Leseniveau des Kindes das Wirksamste ist, was Eltern für das Lesen ihrer Kinder tun können. In Deutschland setzt sich vor allem die Stiftung Lesen für tägliches Vorlesen ein. Das Erstlesebuch steht für das Erlesen. Das Vorlesen steht für Wortschatz, Verständnis, das Gespür für Geschichten und die Freude an Büchern. Beides stärkt sich gegenseitig. Im Alltag heißt das: Etwa die Hälfte eurer täglichen 15 Minuten liest dein Kind laut aus seinem Erstlesebuch, und du hörst zu. In der anderen Hälfte liest du ihm etwas vor, das es allein noch nicht schaffen würde. Bei einem 7-jährigen Kind kann das „Die kleine Hexe“ oder „Jim Knopf“ sein. Du liest auf dem Niveau eines Kinderromans, dein Kind auf Lesestufe 1. Beide Hälften fordern, aber jede übt etwas anderes. Das Simple View of Reading (Gough und Tunmer, 1986) bringt das auf eine Formel: Leseverständnis = Erlesen × Sprachverständnis. Das Erstlesebuch baut den ersten Faktor auf, das Vorlesen den zweiten. Ist einer null, ist auch das Verständnis null. Dein Kind braucht beides, jeden Tag. Ein Kind, das nur Erstlesebücher liest und dem nie vorgelesen wird, erliest am Ende sicher, versteht aber wenig. Amerikanische Fachleute sprechen von „word calling“: Die Wörter stimmen, der Sinn fehlt. Ein Kind, dem ständig vorgelesen wird, das aber nie selbst erliest, hat das umgekehrte Problem: einen großen Wortschatz, aber keinen eigenen Weg in den Text. Die meisten Eltern neigen zu einer der beiden Seiten. Richtig ist beides. (Was in welchem Alter typisch ist, steht in Leseentwicklung nach Alter.)
Wo eine App helfen kann
Erstlesebücher sind aus Papier. Sie antworten nicht, sie merken sich keinen Fortschritt, und sie sagen dir nicht, an welchem Wort dein Kind am Dienstag hängen geblieben ist. In diese Lücke passt ein gutes Übungswerkzeug, nicht als Ersatz für Bücher, sondern damit das tägliche laute Lesen verlässlicher stattfindet und du mehr darüber weißt. Ein brauchbares Werkzeug erfüllt drei Bedingungen: Dein Kind liest laut (statt stumm zu tippen), es bekommt Rückmeldung, wenn ein Wort falsch war, und du siehst, was sich über die Wochen tut. Danach ist Readigo gebaut. Die App hört zu, während dein Kind laut liest, die Texte sind nach Buchstaben-Laut-Mustern gestuft, und der Wochenbericht im Elternbereich zeigt dir die Wörter, über die dein Kind in dieser Woche gestolpert ist. Eines musst du wissen: Die Geschichten in Readigo sind derzeit auf Englisch, die Stufung folgt also den Mustern der englischen Schreibung. Deutsche Geschichten sind in Vorbereitung. Für ein Kind, das in der Grundschule Englisch lesen lernt, ergänzt die App Reihen wie Bob Books oder Flyleaf und macht aus 15 Minuten Übung 15 Minuten, nach denen du weißt, wo dein Kind steht. Wenn du mehr über die Methode wissen willst: die Leseforschung, auf der Readigo aufbaut und wie die App im Familienalltag funktioniert. Die Hauptarbeit leistet weiterhin dein Kind, indem es jeden Tag laut liest. Das Werkzeug sorgt dafür, dass das auch passiert.
Quellen
- National Reading Panel (2000) - Teaching Children to Read
- Seidenberg, M. (2017) - Language at the Speed of Sight
- Wolf, M. (2007) - Proust and the Squid: The Story and Science of the Reading Brain
- Samuels, S. J. (1979) - The method of repeated readings
- Trelease, J. - The Read-Aloud Handbook (8th ed., 2019)
- Gough, P. & Tunmer, W. (1986) - Decoding, reading, and reading disability (Simple View of Reading)
- Hasbrouck, J. & Tindal, G. (2017) - Oral Reading Fluency Norms
- International Dyslexia Association - Structured Literacy and Decodable Texts
- Reading Rockets - Decodable Texts