← Alle Beiträge

Orton-Gillingham erklärt: der US-Ansatz bei Legasthenie und was es bei uns gibt

Von Readigo-Redaktion · 2026-05-17 · 14 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

Orton-Gillingham (OG) ist ein strukturierter, multisensorischer Ansatz für den Leseunterricht aus den USA. Der Neurologe Samuel Orton und die Pädagogin Anna Gillingham entwickelten ihn in den 1930er-Jahren. Kinder lernen dabei die Buchstaben-Laut-Zuordnung ausdrücklich, in Stunden, die aufeinander aufbauen und Sehen, Hören und Bewegung verbinden. Für Kinder mit Legasthenie ist es der am besten untersuchte Ansatz, und in den USA nennen ihn viele Fachleute den „Goldstandard“ der strukturierten Leseförderung. In Deutschland ist OG kaum bekannt. Nach denselben Grundsätzen arbeitet hier die Lerntherapie bei Legasthenie und LRS, und vieles davon kennen Kinder aus der Schule: Silbenmethode und Lautgebärden.

Was Orton-Gillingham eigentlich ist

Orton-Gillingham ist kein Lehrwerk, kein Programm und kein Arbeitsheft. Es ist ein Ansatz: eine Reihe von Grundsätzen dafür, wie man Lesen unterrichtet. Was ein Kind wann lernt, wird an das einzelne Kind angepasst. In der Praxis hat jede Stunde nach OG dieselbe Form. Die Lehrkraft führt immer nur ein neues Muster aus Laut und Schreibung ein. Dein Kind sieht den Buchstaben (visuell), spricht den Laut laut aus (auditiv), fährt ihn mit dem Finger nach (kinästhetisch) und schreibt ihn auf Papier (taktil). Dann übt es das Muster einzeln, danach in Wörtern, in Sätzen und schließlich in einem kurzen zusammenhängenden Text. Die nächste Stunde wiederholt alles vom Vortag und bringt eine neue Sache dazu. Über Monate und Jahre geht ein Kind so der Reihe nach durch alle Laut-Buchstaben-Beziehungen der englischen Schrift, rund 70 bis 80. Der Ansatz ist diagnostisch und passt sich an. Die Lehrkraft prüft, was dein Kind sicher beherrscht, und richtet das Tempo nach der tatsächlichen Leistung, nicht nach einem festen Kalender. Ein Kind, das vier Wochen für das kurze a braucht, bekommt vier Wochen. Ein Kind, das es nach drei Tagen kann, geht weiter. Das ist das Gegenteil des Klassentempos, bei dem alle zur gleichen Zeit auf derselben Seite sein sollen. Die einzelnen Schritte (Laut sprechen, nachfahren, schreiben, zu Wörtern zusammenschleifen, zusammenhängenden Text erlesen) haben Tausende Fachleute über neun Jahrzehnte verfeinert. Die Grundidee ist älter als jedes heutige Leseprogramm. Alle gut belegten US-Programme der strukturierten Leseförderung (Wilson, Barton, Fundations, Spalding, S.P.I.R.E., Lindamood-Bell LiPS und viele andere) stammen in irgendeiner Form von OG ab. Die International Dyslexia Association (IDA), ein US-Verband, nennt OG die Grundlage dessen, was heute Structured Literacy heißt. Und in Deutschland? Hier ist Orton-Gillingham kaum bekannt. Es gibt kein deutsches OG-Programm und keine deutsche OG-Ausbildung, und die Reihenfolge der Muster ist auf die englische Schrift zugeschnitten. Die Grundsätze dahinter findest du aber wieder: in der Lerntherapie bei Legasthenie und LRS, die systematisch, mit mehreren Sinnen und aufbauend arbeitet, in deutschen Förderprogrammen wie dem Kieler Leseaufbau oder der lautgetreuen Lese-Rechtschreibförderung nach Reuter-Liehr und in vielen Klassenzimmern mit Silbenmethode und Lautgebärden.

Demo

Was die App bei einem kurzen Text hört

Die Demo startet von selbst. Der Text leuchtet Wort für Wort auf, so wie die App einem Kind beim lauten Lesen folgt. Wo das Kind stockt, geht es langsamer weiter. Das Beispiel ist auf Deutsch, die Geschichten in der App sind derzeit auf Englisch, deutsche sind in Vorbereitung.

Hört zu

Der Fuchs Milo fand einen roten Papierdrachen, der hoch in der alten Eiche feststeckte, und zog daran, bis er sich löste.

Schwierige Wörter werden orange markiert.

Geschichte: woher OG kommt

Die Geschichte beginnt mit Samuel Torrey Orton, einem Neurologen an der University of Iowa, in den 1920er-Jahren. Orton untersuchte Kinder mit normaler Intelligenz, die nicht lesen lernten. Ihm fiel auf, dass sie oft spiegelbildliche Buchstaben und Wörter verwechselten (b/d, p/q, was/saw). Er hielt die Schwierigkeit für neurologisch: Die beiden Gehirnhälften würden nicht die Arbeitsteilung ausbilden, die flüssiges Lesen braucht. Er nannte den Zustand Strephosymbolie („verdrehte Zeichen“). Durchgesetzt hat sich das Wort Dyslexie, im Deutschen meist Legasthenie. Ortons Einsicht aus der Praxis war einfach. Diese Kinder konnten lesen lernen, nur nicht so, wie Lesen damals unterrichtet wurde, nämlich vor allem über das Einprägen ganzer Wörter. Sie brauchten ausdrücklichen Unterricht über Laute, der Laute und Buchstaben langsam und systematisch verband. 1932 lernte Orton Anna Gillingham kennen, eine Pädagogin und Psychologin, die an der Ethical Culture School in New York unterrichtet hatte. Gillingham machte aus Ortons neurologischem Gerüst ein System, das man lehren kann. Sie arbeitete dabei mit Bessie Stillman zusammen, einer sehr erfahrenen Klassenlehrerin. Ihr Handbuch von 1936, Remedial Training for Children with Specific Disability in Reading, Spelling and Penmanship, heute meist Gillingham-Stillman-Manual genannt, beschrieb die Methode Stunde für Stunde. Es ist mehr als 85 Jahre später noch lieferbar, und die meisten heutigen OG-Programme gehen direkt darauf zurück. Orton starb 1948, die Arbeit ging weiter. 1949 wurde die Orton Society gegründet, um seine Forschung fortzuführen. Aus ihr wurde die International Dyslexia Association (IDA), heute der größte Fachverband auf diesem Gebiet. Die Academy of Orton-Gillingham Practitioners and Educators (AOGPE) entstand 1995, um Fachkräfte zu zertifizieren und den ursprünglichen Ansatz zu bewahren. Bemerkenswert ist: Die Grundsätze, die Orton und Gillingham in den 1930er-Jahren aufstellten, hat jede große Welle der Leseforschung seither bestätigt, vom US-amerikanischen National Reading Panel (2000) über die kognitive Leseforschung von Mark Seidenberg und Maryanne Wolf bis zur Hirnforschung der Gruppe um Sally Shaywitz in Yale. Die Forschung hat die Praxis eingeholt.

Die vier Grundprinzipien

Jede Stunde nach OG hat vier Eigenschaften, egal in welchem Lehrwerk sie steckt. Zusammen unterscheiden sie OG von Balanced Literacy, dem amerikanischen Mischansatz mit viel Raten, und von schwächeren Lautierprogrammen. 1. Mit mehreren Sinnen. Dein Kind nutzt beim Lernen eines neuen Buchstaben-Laut-Musters mehrere Sinne gleichzeitig: Es sieht den Buchstaben, hört und spricht den Laut, fährt die Form in der Luft, auf einer rauen Fläche oder im Sand nach und schreibt sie mit dem Stift. Die Begründung aus der Hirnforschung ist einfach. Mehrere Sinneseindrücke sprechen mehrere Hirnregionen an und hinterlassen stärkere, mehrfach abgesicherte Gedächtnisspuren. Für ein Kind, dem das Verarbeiten von Lauten schwerfällt, wie bei Legasthenie, ist diese doppelte Absicherung sehr viel wert. In deutschen Klassen und in der Lerntherapie kennt man dasselbe Prinzip von den Lautgebärden und vom Silbenschwingen. 2. Aufbauend und kumulativ. Alles wird in geplanter Reihenfolge gelehrt, das Einfache vor dem Schweren. Eine typische Abfolge im Englischen: Konsonanten und kurze Vokale → kurze Wörter wie cat zusammenschleifen → Buchstabengruppen (sh, ch, th, ck) → Konsonantenverbindungen (bl, st, str) → lange Vokale mit stummem e (cape, bike) → Vokalverbindungen (ai, ea, oa) → Vokale vor r (ar, er, ir, or, ur) → mehrsilbige Muster → lateinische und griechische Wortbausteine. Jede Stunde wiederholt Bekanntes, bevor Neues dazukommt. Nichts wird einmal gelehrt und dann vergessen, alles kommt wieder. 3. Ausdrücklich. Die Lehrkraft sagt deinem Kind die Regel, laut: „Das m klingt mmm.“ Oder die englische Merkregel für Vokalpaare: „When two vowels go walking, the first one does the talking.“ Entdeckendes Lernen, bei dem das Kind die Regel aus dem Umgang mit Texten selbst herausfinden soll, gehört nicht dazu. Die meisten Kinder mit Legasthenie, und viele ohne, würden die Regel allein nie finden. Bei ihnen wirkt nur ausdrücklicher Unterricht. 4. Diagnostisch und auf das Kind zugeschnitten. Die Lehrkraft verfolgt, was dein Kind beherrscht, und passt Tempo, Übungsmenge und die nächsten Muster an das an, was es zeigt. Ein Lehrwerk mit festem Ablauf, in dem jedes Kind im gleichen Tempo vorangeht, ist kein OG. Bei OG kann eine Lehrkraft mit einem Kind drei Wochen an einem Muster arbeiten und mit einem anderen drei Tage. Das Tempo richtet sich nach dem Kind, nicht nach dem Kalender. Manchmal kommt eine fünfte Eigenschaft dazu: systematisch. Gemeint ist meist ein schriftlicher Plan, der genau zeigt, welche Muster in welcher Reihenfolge drankommen. Jedes seriöse OG-Programm veröffentlicht diesen Plan. Zeigt dir ein Programm seine Reihenfolge nicht, arbeitet es nicht nach OG.

Wie eine OG-Stunde abläuft

Eine typische OG-Stunde von 45 Minuten mit einem siebenjährigen Kind folgt einem festen Ablauf. Die meisten Abschnitte sind kurz, 3 bis 5 Minuten, und die Stunde bleibt in Bewegung. Die Beispiele sind hier ins Deutsche übertragen. 1. Aufwärmen mit Lautspielen (3 bis 5 Min.). Noch keine Buchstaben, nur Laute. Die Lehrkraft fragt: „Was hörst du am Anfang von Frosch?“ (fff). „Sag Maus ohne /m/.“ (aus). „Schleif diese Laute zusammen: /sch/ /i/ /f/.“ (Schiff). Die phonologische Bewusstheit wird so aufgewärmt, bevor Buchstaben ins Spiel kommen. 2. Wiederholung bekannter Muster (5 bis 10 Min.). Die Lehrkraft zeigt Karten mit Buchstaben oder Buchstabengruppen aus früheren Stunden, und dein Kind nennt zu jeder den Laut. Wacklige Muster werden extra geübt, sichere kurz aufgefrischt. 3. Ein neues Muster (5 bis 10 Min.). Pro Stunde kommt ein neues Muster dazu. Die Lehrkraft schreibt es an die Tafel, spricht den Laut, nennt ein Schlüsselwort („sch wie in Schiff“) und zeigt, wie der Mund den Laut formt. Dein Kind fährt den Buchstaben mit dem Finger in der Luft nach, dann auf Papier, und spricht dabei den Laut. Das ist der Schritt mit mehreren Sinnen. Er wird so oft wiederholt, bis dein Kind den Laut auf Zuruf bilden kann. 4. Wörter mit dem neuen Muster lesen (10 Min.). Dein Kind liest eine Liste mit Wörtern, die das neue Muster enthalten, erst langsam, und die Lehrkraft hilft beim Zusammenschleifen, wenn nötig. Dann folgt eine gemischte Liste mit dem neuen Muster und älteren. Die Lehrkraft achtet darauf, welche Laute sitzen und welche nicht. 5. Wörter mit dem neuen Muster schreiben (5 bis 10 Min.). Die Lehrkraft sagt ein Wort, dein Kind schreibt es. Schreiben ist die Umkehrung des Lesens und festigt dieselbe Buchstaben-Laut-Zuordnung. Viele OG-Stunden verwenden fast so viel Zeit aufs Schreiben wie aufs Lesen. 6. Zusammenhängenden Text lesen (5 bis 10 Min.). Ein kurzer lautgetreuer Text mit dem neuen Muster und älteren. Dein Kind liest laut. Die Lehrkraft hilft mit Hinweisen auf Laute, nicht auf Bilder. Am Ende folgt eine kurze Frage zum Verständnis. 7. Abschluss (2 Min.). Die Lehrkraft fasst zusammen, was heute neu war und was dein Kind sich fürs nächste Mal merken soll. Nichts davon sieht nach Spiel aus, und nichts ist als Spiel verpackt. Die Belohnung ist das gute Gefühl, Wörter zu erlesen, die vorige Woche noch zu schwer waren. Für die meisten Kinder ist dieses Gefühl echt und motivierend, sobald es anfängt zu klappen, und das dauert meist nur wenige Wochen.

OG und Balanced Literacy im Vergleich

Am klarsten wird OG, wenn man es neben Balanced Literacy stellt. Dieser Ansatz bestimmte die US-Klassenzimmer von den 1990er-Jahren bis in die frühen 2020er-Jahre. Balanced Literacy sieht Lesen vor allem als Suche nach dem Sinn. Bei einem unbekannten Wort soll ein Kind mehrere „Hinweise“ nutzen, das Bild, den Zusammenhang, den ersten Buchstaben, und raten. Buchstaben und Laute kommen vor, aber als eine Strategie unter mehreren und selten in einer festen Ordnung. Geübt wird mit gestuften Büchern, die zum Raten gebaut sind: Derselbe Satz wiederholt sich, nur ein Wort wechselt, und Bilder helfen bei unbekannten Wörtern. Die Stimmung ist warm, mit vielen Geschichten und vom Kind aus gedacht. Die einflussreichste neuere Fassung war Lucy Calkins' Lehrwerk Units of Study. OG sieht Lesen als Entschlüsseln eines Codes. Bei einem unbekannten Wort erliest dein Kind das Wort Laut für Laut und wendet an, was es ausdrücklich gelernt hat. Buchstaben und Laute sind die Hauptstrategie, nicht eine von mehreren. Geübt wird mit lautgetreuen Texten, die nur Muster enthalten, die dein Kind schon kennt. Die Stunden sind strukturiert, gehen Laut für Laut vor, und die Lehrkraft sagt dem Kind die Regeln. Die Studien sprechen klar gegen Balanced Literacy und für die strukturierte Leseförderung nach OG-Grundsätzen. Das National Reading Panel (2000) fand systematischen Unterricht über Buchstaben und Laute deutlich wirksamer als unsystematischen Unterricht oder Ganzwortansätze, besonders bei Kindern mit Leserisiko. Emily Hanfords Podcast Sold a Story (2022) zeichnete nach, wie Balanced Literacy in den USA zusammenbrach. Die Columbia University schloss Calkins' Teachers College Reading and Writing Project 2023, und mehr als 30 US-Bundesstaaten haben inzwischen Gesetze beschlossen, die Leseunterricht nach dem Stand der Forschung vorschreiben. In Deutschland gab es diesen Streit so nicht. Die meisten Grundschulen arbeiten mit einer Fibel, die Buchstabe für Buchstabe vorgeht, und stehen damit näher an OG als an Balanced Literacy. Die Bilanz aus den USA bleibt trotzdem lehrreich: Balanced Literacy fühlt sich wärmer an. Strukturierte Leseförderung wirkt besser, gerade bei den Kindern, die guten Unterricht am dringendsten brauchen.

OG und einfache Lautierprogramme

OG ist nicht der einzige Ansatz über Laute und Buchstaben. Viele Programme arbeiten damit in irgendeiner Form. Was OG von gewöhnlichem Lautierunterricht unterscheidet, ist die Verbindung aller vier Prinzipien. Ein Programm, das Laute lehrt, aber nicht mit mehreren Sinnen, ist kein OG. Das Kind sieht den Buchstaben und spricht den Laut, fährt ihn aber bei der Einführung nie nach und schreibt ihn nicht. Manche einfachen Arbeitsheft-Programme funktionieren so. Sie sind besser als Balanced Literacy, aber ihnen fehlen die mehrfach abgesicherten Gedächtnisspuren, die Kindern mit Legasthenie helfen. Ein Programm, das Laute lehrt, aber nicht in sinnvoller Reihenfolge, ist kein OG. Die Buchstaben kommen in der Reihenfolge des Alphabets (a, b, c, d) statt in einer Reihenfolge, die früh das Erlesen erlaubt, also häufige, gut hörbare Buchstaben zuerst. Dein Kind kann dann wochenlang keine einfachen Wörter lesen, weil sich die gelernten Buchstaben noch nicht zu brauchbaren Wörtern verbinden lassen. Ein Programm, das Laute lehrt, aber nicht ausdrücklich, ist kein OG. Dein Kind soll die Regel aus dem Umgang mit Texten selbst herausfinden. Das ist die Schwachstelle vieler Programme aus dem Umfeld von Balanced Literacy, die etwas Lautierarbeit obendrauf setzen. Auch „Lesen durch Schreiben“ setzt in seiner ursprünglichen Form auf selbstständiges Entdecken: Die Kinder bekommen die Anlauttabelle und sollen sich das Lesen weitgehend selbst erschließen. Ein Programm, das Laute lehrt, aber nicht diagnostisch, ist kein OG. Jedes Kind geht im gleichen Tempo voran, egal was es schon kann. Das ist die Schwachstelle des meisten Lautierunterrichts im Klassenzimmer: Die Lehrkraft hat 25 Kinder und einen Stoffplan. Der Kern von OG lautet: Erst alle vier Prinzipien zusammen machen den Ansatz wirksam, gerade bei Kindern, denen das Lesen schwerfällt. Fehlt eines, geht ein spürbarer Teil der Wirkung verloren.

Wer am meisten profitiert: Legasthenie und darüber hinaus

OG wurde für Kinder mit Legasthenie entwickelt. Nach Angaben der International Dyslexia Association zeigt etwa jedes fünfte Kind in irgendeinem Grad Anzeichen einer Legasthenie. Das ist eine US-Zahl. Deutsche Schätzungen für eine diagnostizierte Lese-Rechtschreib-Störung liegen niedriger. Für Kinder mit Legasthenie ist OG nicht nur besser als andere Wege, sondern oft der einzige, der dauerhafte Fortschritte beim Lesen bringt. Warum, erklärt die US-Forscherin Sally Shaywitz in Overcoming Dyslexia (2003, 2020) am verständlichsten. fMRT-Studien mit Kindern mit Legasthenie zeigen, dass die Hirnregionen, die Laute verarbeiten, weniger aktiv sind. Das Lesenetzwerk ist schwerer aufzubauen. Ausdrücklicher, aufbauender Unterricht über Buchstaben und Laute mit mehreren Sinnen, also OG, baut es trotzdem auf, langsam. Inzwischen gibt es Bildgebungsstudien, nach denen erfolgreiche Förderung auf OG-Grundlage die Aktivität im Gehirn von Kindern mit Legasthenie verändert und dem Muster geübter Leser annähert. OG hilft nicht nur bei Legasthenie. Derselbe Ansatz, der bei den 20 % mit Legasthenie wirkt, wirkt auch sehr gut bei der größeren Gruppe von Kindern, denen das Lesen schwerfällt: Kinder, die Buchstaben-Laut-Muster langsam aufnehmen, Kinder, die die Unterrichtssprache erst lernen, Kinder aus Familien, in denen wenig gelesen wird, und in den USA Kinder, deren Schulen nach Balanced Literacy unterrichtet haben und die jetzt aufholen. Auch Kindern, die sich ganz unauffällig entwickeln, schadet OG nicht. Sie brauchen es nicht so wie Kinder mit Legasthenie, die meisten lernen auch mit weniger ausdrücklichem Unterricht lesen. Oft lernen sie damit aber schneller und dauerhafter. Deshalb nutzen seit Mississippis Erfolgen viele US-Schulbezirke strukturierte Leseförderung für die ganze Klasse und nicht nur als Sonderförderung. Am wenigsten bringt OG sehr sprachgewandten Kindern aus Familien mit vielen Büchern, die das Lesen fast von allein lernen. Rund 5 % der Kinder lernen mit sehr wenig Anleitung lesen. Bei ihnen funktioniert jeder vernünftige Ansatz, und um sie geht es in der Bildungspolitik nicht.

Wo du strukturierte Förderung findest

Wer für sein Kind eine Einzelförderung nach diesen Grundsätzen sucht, sollte auf die Ausbildung achten. Nicht jeder, der sagt, er arbeite „mit OG“ oder „multisensorisch“, ist dafür ausgebildet. In Deutschland: Lerntherapie. Eine OG-Ausbildung findest du hier praktisch nicht, und für ein Kind, das auf Deutsch lesen lernt, wäre sie auch nicht das Richtige. Die Entsprechung ist die Lerntherapie bei Legasthenie und LRS. Gute Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten arbeiten nach denselben Grundsätzen: systematisch, mit mehreren Sinnen, aufbauend, an Lauten, Silben und Wörtern entlang. Achte auf eine anerkannte Qualifikation, etwa nach den Standards des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) oder des Fachverbands für integrative Lerntherapie (FiL), und frag, mit welchem Programm gearbeitet wird. Die Kosten trägst du in der Regel selbst. Bei einer diagnostizierten Lese-Rechtschreib-Störung und drohender Beeinträchtigung der Teilhabe kann das Jugendamt die Lerntherapie nach § 35a SGB VIII übernehmen. Was die Förderung bringt, hängt vom Kind ab, und Versprechen sollte dir niemand machen. Förderung an der Schule. Erste Ansprechpartnerin ist die Klassenlehrkraft, dazu kommt die schulpsychologische Beratungsstelle. Frag, ob es einen LRS-Förderkurs gibt und wie dein Bundesland Nachteilsausgleich und Notenschutz regelt. In Österreich hilft die Schulpsychologie, in der Schweiz die Schulische Heilpädagogik. In den USA haben viele öffentliche Schulen Förderlehrkräfte mit OG-Ausbildung, und deren Hilfe ist über die Förderstufen der Schule oder einen Förderplan kostenlos. In den USA: zertifizierte OG-Fachkräfte. Als anspruchsvollste Zertifizierung gilt die der Academy of Orton-Gillingham Practitioners and Educators (AOGPE), auf vier Stufen: Associate, Certified, Fellow-in-Training und Fellow. Jede Stufe verlangt begleitete Praxisstunden, Kurse und nachgewiesene Unterrichtskompetenz, und ein Verzeichnis listet die zertifizierten Mitglieder nach Ort. Die Honorare liegen in den USA meist bei 75 bis 150 US-Dollar pro Stunde, in Großstädten höher. Daneben akkreditieren der International Multisensory Structured Language Education Council (IMSLEC) und die IDA Ausbildungen nach OG-Grundsätzen. Wer über ein solches Programm ausgebildet wurde (Wilson, Barton, Lindamood-Bell LiPS, Slingerland), ist gründlich geschult, auch ohne AOGPE-Zertifikat. Privatschulen in den USA. In größeren US-Städten gibt es Privatschulen eigens für Kinder mit Legasthenie, oft mit Methoden auf OG-Grundlage (Hill Schools, AIM Academy, Carroll School, Atlantic Seaboard Dyslexia Education Center und viele regionale Schulen). Das Schulgeld ist hoch, die Ergebnisse sind gut. Förderung online. Seit 2020 ist die Förderung per Video stark gewachsen. US-Anbieter wie Lexercise, Reading Done Right und einzelne Fachkräfte geben OG-Stunden aus der Ferne. Die Studien dazu sind positiv, die Wirkung etwas geringer als vor Ort. Hat dein Kind Legasthenie oder zeigt es die typischen Anzeichen (siehe Anzeichen für Legasthenie bei Kindern), ist eine strukturierte Einzelförderung über 8 bis 18 Monate oft das Wirksamste, was eine Familie tun kann. In Deutschland heißt das meist: eine gute Lerntherapie.

Was du zu Hause tun kannst

Du musst keine Lerntherapeutin werden, um einige dieser Grundsätze zu Hause zu nutzen. Ein paar konkrete Schritte, und wenn dein Kind Legasthenie hat, macht ein Plan für jeden Tag zu Hause daraus eine feste Routine. 1. Richte eine tägliche Übungszeit mit allen Sinnen ein. 15 Minuten am Tag. Nimm eine kleine Tafel oder ein Tablett mit Sand oder Salz. Wenn ihr an einem Buchstaben-Laut-Muster arbeitet, etwa am sch, schreibt es zusammen, fahrt es zusammen nach, sprecht den Laut zusammen und lest Wörter, in denen er vorkommt. Sehen, sprechen, nachfahren, schreiben. Arbeitet die Klasse mit Lautgebärden, nehmt das Handzeichen dazu, bei längeren Wörtern auch das Silbenschwingen. Auch ohne Lehrwerk wirkt das besser als Üben mit nur einem Sinn. 2. Lest lautgetreue Erstlesebücher, keine vorhersagbaren. Zum Üben nach OG gehören lautgetreue Bücher, die nur Muster enthalten, die dein Kind schon gelernt hat. Für Kinder, die Englisch lesen, sind das in den USA Reihen wie Bob Books, Flyleaf, Geodes oder Half-Pint Readers. Auf Deutsch kommen Erstlesereihen wie Bücherbär oder Loewe Lesestarter dem am nächsten, und die Leserabe-Bücher mit Mildenberger Silbenmethode haben farbig markierte Silben. Das ist Übungsstoff, keine große Literatur: Die Arbeit steckt im Erlesen, nicht in der Geschichte. (Mehr dazu unter lautgetreue Erstlesebücher.) 3. Lass das Raten weg. Bleibt dein Kind an einem Wort hängen, sag nicht „Schau aufs Bild“ oder „Was würde passen?“. Das sind Hinweise aus Balanced Literacy, in den USA „Three-Cueing“ genannt. Nach OG lautet die Antwort: „Welcher Laut ist das? Und der nächste? Jetzt schleif sie zusammen.“ Laute zuerst, jedes Mal. 4. Halte dich an eine feste Reihenfolge. Wenn du zu Hause mit deinem Kind an Buchstaben und Lauten arbeitest, folge einem festen Plan. Für Deutsch gibt die Buchstabenfolge der Fibel deines Kindes den Weg vor. Für Englisch gibt es frei zugängliche Pläne vom University of Florida Literacy Institute oder von Reading Rockets. Spring nicht hin und her, halte die Reihenfolge ein und wiederhole oft. 5. Lies jeden Tag vor, über dem Niveau deines Kindes. OG kümmert sich um das Erlesen, nicht um Wortschatz, den Aufbau von Geschichten oder das Verstehen von Texten, die über dem liegen, was dein Kind selbst erlesen kann. Diese Seite wächst durch tägliches Vorlesen aus Büchern, die dein Kind allein noch nicht schaffen würde. In den USA ist Jim Treleases Read-Aloud Handbook das bekannteste Elternbuch dazu. Erlesen üben nach OG-Grundsätzen und täglich vorlesen: Das ist ungefähr die Leseroutine, die die Forschung zur Leseentwicklung nach Alter stützt.

Wie Readigo zu den OG-Prinzipien passt

Die meisten Lese-Apps arbeiten nicht nach diesen Grundsätzen. Sie sind als Spiel verpackt, das Kind tippt, zieht oder ordnet zu, und im Kern ist das Balanced Literacy in hübscher Hülle. Die Texte folgen keiner geplanten Reihenfolge von Lauten und Buchstaben, statt lautem Lesen gibt es Antippen, und die Rückmeldung besteht aus allgemeinen Belohnungen statt aus genauer Korrektur. Readigo wurde nach Grundsätzen gebaut, die denen von OG nahekommen, für das Üben zu Hause. Die Texte folgen einer festgelegten Reihenfolge der englischen Buchstaben-Laut-Muster: Muster kommen der Reihe nach dazu, kumulativ, neue bauen auf gelernten auf. Dein Kind liest jeden Text laut, statt stumm zu tippen. Die App hört zu und gibt Wort für Wort Rückmeldung, wenn ein Wort falsch gelesen wurde. Der Fortschritt richtet sich nach der Leistung deines Kindes, nicht nach einem festen Kalender. Im Elternbereich siehst du, welche Muster sitzen und an welchen dein Kind noch arbeitet. Wichtig für dich: Die Geschichten in Readigo sind derzeit auf Englisch, gut zum Englischlesen ab der Grundschule, das vielen Kindern mit Legasthenie besonders schwerfällt. Deutsche Geschichten sind in Vorbereitung. Readigo ersetzt keine Diagnose, keine Lerntherapie und keine ausgebildete Fachkraft, wenn dein Kind Legasthenie hat. Die App kann sich nicht so fein anpassen wie ein Mensch, der neben deinem Kind sitzt. Sie unterstützt aber die tägliche Übung von 15 Minuten im lauten Lesen, die OG verlangt und die die meisten Familien am schwersten durchhalten, und sorgt dafür, dass sie stattfindet. Für ein Kind, das strukturiertes Üben braucht, und Eltern, die nicht jeden Abend daneben sitzen können, ist genau das die Stelle, an der ein Werkzeug am meisten hilft. Mehr zur Methode steht unter Leseforschung hinter Readigo, wie die App in den Alltag passt, unter Readigo für Eltern. OG wirkt, weil es strukturiert und systematisch ist. Ein Werkzeug, das derselben Struktur folgt, kann einen Teil dieser Arbeit in die tägliche Gewohnheit zu Hause tragen.

Quellen

Weiterlesen

Readigo einen Monat testen →

9,99 €/Monat oder 69,99 €/Jahr, inkl. MwSt. Jederzeit kündbar.