Wie du deinem Kind mit Legasthenie zu Hause beim Lesen hilfst
Von Readigo-Redaktion · 2026-06-01 · 13 Min. Lesezeit
Kurz gesagt
Ein Kind mit Legasthenie braucht zu Hause eine feste, systematische Übung, nicht einfach mehr Gute-Nacht-Geschichten. Die Routine, die hilft, ist kurz, täglich und jeden Tag gleich aufgebaut: 2 Minuten Laute zum Aufwärmen, 5 Minuten Wortliste zum aktuellen Muster, 8 bis 10 Minuten lautes Lesen aus einem lautgetreuen Erstlesebuch und zum Schluss ein Merkwort. Zwanzig Minuten insgesamt, fünf Tage die Woche. Weil Kinder mit Legasthenie im Deutschen meist richtig, aber sehr langsam lesen, geht es dabei vor allem um Sicherheit und Tempo durch Wiederholung, nicht um Druck. Ein Merkwort-Marathon mit Karteikarten, Wettlesen gegen die Stoppuhr oder ein Lesetagebuch ohne Übung an Buchstaben und Lauten sind das falsche Werkzeug.
Was „Hilfe zu Hause“ bei Legasthenie heißt
Ein Kind mit Legasthenie braucht zwei Dinge gleichzeitig: eine ausgebildete Fachkraft, die systematisch mit ihm arbeitet, in Deutschland meist eine Lerntherapeutin oder ein Lerntherapeut (in den USA nach Programmen wie Orton-Gillingham, Wilson oder Lindamood-Bell), und Eltern, die zwischen den Stunden das tägliche Üben übernehmen. Deine Aufgabe zu Hause ist nicht, die Therapeutin zu ersetzen. Du sorgst dafür, dass jeden Tag geübt wird, damit die Arbeit der Fachkraft hängen bleibt. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil die meisten Ratschläge für Eltern entweder zu viel verlangen („bring ihm die Buchstaben selbst bei“) oder zu wenig („lest einfach jeden Abend zusammen“). Beides geht daneben. Sally Shaywitz, Gründerin des Yale Center for Dyslexia and Creativity, sagt seit zwei Jahrzehnten deutlich: Legasthenie bessert sich mit der richtigen Art von Übung, nicht mit mehr Übung der falschen Art. Ein Kind, dem jeden Abend dreißig Minuten vorgelesen wird, ohne dass es selbst laut liest, lernt so nicht lesen. Ein Kind, das jeden Abend Karteikarten paukt, ohne die Buchstaben und Laute dahinter zu verstehen, kommt spätestens in der 2. Klasse nicht mehr weiter. Die Routine zu Hause ist kurz, täglich und abgestimmt auf das, was die Fachkraft gerade macht. Ist die Lerntherapie bei Lektion 12 (kurzes a mit Konsonantenhäufung), übt ihr diese Woche zu Hause kurzes a mit Konsonantenhäufung. Hat dein Kind noch keine Fachkraft, ist die Routine unten das, was Eltern nach dem Stand der Forschung auch allein tun können. Parallel bleibt das Ziel, eine Abklärung und, wenn sich der Verdacht bestätigt, eine Lerntherapie zu bekommen. Zu den Begriffen: In der Schule heißt das Thema meist LRS (Lese-Rechtschreib-Schwäche), die medizinische Diagnose lautet Legasthenie oder Lese-Rechtschreib-Störung (ICD-10 F81.0). Die Routine hier hilft bei beidem. Mehr zur Diagnose steht unter Anzeichen für Legasthenie bei Kindern, mehr zum systematischen Förderprogramm unter Orton-Gillingham erklärt.
Demo
Was die App bei einem kurzen Text hört
Die Demo startet von selbst. Der Text leuchtet Wort für Wort auf, so wie die App einem Kind beim lauten Lesen folgt. Wo das Kind stockt, geht es langsamer weiter. Das Beispiel ist auf Deutsch, die Geschichten in der App sind derzeit auf Englisch, deutsche sind in Vorbereitung.
Der Fuchs Milo fand einen roten Papierdrachen, der hoch in der alten Eiche feststeckte, und zog daran, bis er sich löste.
Schwierige Wörter werden orange markiert.
Wie systematische Leseförderung zu Hause aussieht
Die Routine hat fünf Bausteine. Jeder gehört zu einem der fünf Bereiche, die das US-amerikanische National Reading Panel 2000 beschrieben hat: phonologische Bewusstheit, Buchstaben-Laut-Zuordnung, Leseflüssigkeit, Wortschatz und Leseverständnis. Bei Legasthenie tragen die ersten drei die meiste Arbeit. Und weil Kinder mit Legasthenie im Deutschen meist richtig, aber sehr langsam lesen, bekommt die Leseflüssigkeit hier besonders viel Gewicht. Laute wiederholen. Zwei oder drei Minuten am Anfang jeder Einheit. Das Kind schaut auf einen kleinen Stapel Buchstabenkarten und sagt zu jeder den Laut, nicht den Buchstabennamen, also /m/ und nicht „em“. Bei Buchstabengruppen wie sch, ch, ei, eu, ie sagt es den Laut, den die Gruppe im Wort macht. Das Aufwärmen bringt die Verbindung von Buchstaben und Lauten in Gang. Es wegzulassen ist die häufigste Abkürzung, die Eltern nehmen. Wortliste zum aktuellen Muster. Fünf Minuten. Eine Liste mit 10 bis 15 Wörtern, die alle dasselbe Muster haben (kurzes a vor nd, Wörter mit St oder Pf am Anfang, doppelter Mitlaut in der Mitte). Das Kind liest die Spalte von oben nach unten, schwierige Wörter erst in Silben, dann als Ganzes. Das ist der langweilige Teil, durch den Wörter automatisch werden, und es gibt keinen Ersatz dafür. Lautes Lesen aus einem lautgetreuen Erstlesebuch. Acht bis zehn Minuten. Das Kind liest laut aus einem Buch, dessen Text auf den Mustern aufbaut, die es schon kennt. Viele Lerntherapeutinnen arbeiten dabei mit farbig markierten Silben. Lest denselben Text an zwei, drei Tagen hintereinander: Beim zweiten und dritten Mal wird dein Kind schneller, und genau dieses Tempo fehlt ihm. Du hörst genau zu und korrigierst Verleser am einzelnen Wort, ohne den ganzen Satz zu wiederholen. Lautgetreue Erstlesebücher sind etwas anderes als Lesehefte, die auf Bild und Satzmuster setzen. Den Unterschied erklärt Lautgetreue Erstlesebücher erklärt, konkrete Titel stehen in der Liste lautgetreuer Erstlesebücher nach Lesestufe. Merkwörter üben. Zwei oder drei Minuten. Ein paar häufige Wörter, die nicht ganz lautgetreu sind (Vater, viel, von, vier, Chor), geübt als Merkwörter: Die regelmäßigen Buchstaben werden erlesen, nur die eine Stelle, die anders klingt, wird gemerkt. Mehr dazu unter Häufige Wörter und lautgetreue Wörter: der Unterschied. Fünf oder sechs Merkwörter auf einmal reichen. Im Deutschen gibt es davon ohnehin viel weniger als im Englischen. Über die Geschichte sprechen. Eine oder zwei Minuten am Ende. Was ist passiert? Was hat die Figur gemacht? Hier geht es um Verständnis und Wortschatz. Für ein Kind, das sich fünfzehn Minuten mit Buchstaben und Wörtern abgemüht hat, ist das der Moment, an dem Lesen wieder Sinn ergibt. Das sind zwanzig Minuten. Mehr Zeit braucht die ganze Routine nicht.
Eine 20-Minuten-Routine für zu Hause, Tag für Tag
Jeden Schultag dieselbe Form, wenn möglich zur selben Tageszeit. Für die meisten Familien passt es am besten nach dem Abendessen und vor dem Bildschirm. Minute 0 bis 3: Laute zum Aufwärmen. Hol einen kleinen Stapel Lautkarten heraus, 10 bis 15 Laute, an denen dein Kind gerade arbeitet: einzelne Laute, sch, ch, ck, ei, au, eu, ie. Das Kind sagt zu jeder Karte den Laut. Kein Gespräch, keine langen Korrekturen, nur ein ruhiger Rhythmus. Stockt es, sagst du den Laut, es spricht nach, und die Karte wandert nach hinten. Minute 3 bis 8: Wortliste lesen. Eine Spalte mit 12 Wörtern zum aktuellen Muster: Hand, Sand, Wand, Rand, Band, Land, Brand, Strand, Stand, Pfand, Sandburg, Handtuch. Die letzten beiden zeigen, wie sich lange deutsche Wörter aus bekannten Teilen zusammensetzen. Das Kind liest von oben nach unten. Bei Stolperern machst du einen kleinen Bleistifthaken. Was schon sitzt, übst du nicht noch einmal. Die markierten Wörter liest es am Ende ein zweites Mal. Minute 8 bis 18: lautes Lesen aus einem lautgetreuen Erstlesebuch. Das Buch passt zu den Mustern, die dein Kind schon gelernt hat. Es liest laut in seinem eigenen Tempo. Du hörst zu und greifst nur bei Verlesern ein, und zwar immer gleich: Versuch das noch mal. Klappt es nicht, sprichst du das Wort langsam in Silben vor, und dein Kind liest das ganze Wort nach. Lies den Satz nicht noch einmal vor und lass es nicht aus dem Zusammenhang raten. Ziel ist, dass es das Wort selbst erliest, nicht, dass es sich an deine Hilfe erinnert. Minute 18 bis 20: ein Merkwort und ein kurzes Gespräch. Nimm das Merkwort, das du dir für diese Woche vorgenommen hast. Sag: Das ist Vater. Das a, t, e und r liest du wie immer. Das V am Anfang klingt hier wie /f/, das merken wir uns. Lest das Wort in einem Satz. Dann frag: Und was ist heute in der Geschichte passiert? Häufigkeit: fünf Tage die Woche. Drei Tage reichen nicht. Fast täglich ist die Schwelle, auf die die Forschung immer wieder kommt. Samuels (1979) und Jahrzehnte an Studien zum wiederholten Lesen zeigen, dass die Fortschritte nahezu tägliche Übung brauchen, besonders bei Kindern, denen das Lesen schwerfällt. Am Wochenende frei ist in Ordnung. Bei weniger als fünf Tagen bröckelt das Erreichte wieder. Diese Routine ersetzt nicht, was dein Kind in der Schule liest. Sie läuft zusätzlich zu Lerntherapie und Unterricht. Sie ersetzt die Fachkraft nicht, aber sie sorgt dafür, dass deren Arbeit von Woche zu Woche mehr bringt.
Was du zu Hause lassen solltest
Manche gut gemeinten Lesegewohnheiten halten ein Kind mit Legasthenie eher auf. Diese kannst du streichen, auch wenn eine Lehrkraft oder ein älterer Elternratgeber sie empfohlen hat. Keine Listen mit 200 häufigen Wörtern als Karteikarten pauken. Die meisten dieser Wörter kann ein Kind mit dem Wissen aus der 1. Klasse erlesen, im Deutschen noch mehr als im Englischen. Sie als Wortbilder zu drillen, ist der alte Ganzwort-Ansatz (in den USA Teil der „Balanced Literacy“), von dem sich die International Dyslexia Association, die Schulbehörde des US-Bundesstaats Mississippi und die meisten Programme auf dem Stand der Leseforschung verabschiedet haben. Gerade bei Legasthenie setzt er auf den Teil des Lesens, der am schwächsten ist (das Gedächtnis für ganze Wortbilder), statt auf den Teil, der mit Übung wachsen kann (Buchstaben und Laute). Das gilt auch für die Grundwortschatz-Listen aus der Schule: Sie sind für die Rechtschreibung gedacht, und auch dort hilft es mehr, ein Wort in Silben und Laute zu zerlegen, als sein Bild auswendig zu lernen. Nicht einfach „mehr lesen“ verordnen. Menge hilft einem Kind ohne Legasthenie. Einem Kind mit Legasthenie, dem die sichere Buchstaben-Laut-Zuordnung noch fehlt, schadet die Menge der falschen Texte eher: Hefte, die Raten aus dem Bild belohnen, vorhersagbare Satzmuster, Bücher über seinem Lesestand. Das verfestigt die falsche Gewohnheit. Passende Texte, lautgetreu, zum Muster passend und laut gelesen, bringen mehr als viele. Hörbücher nicht statt lauten Lesens. Hörbücher sind wunderbar für Wortschatz, Verständnis und die Freude an Geschichten, und für ein Kind mit Legasthenie gehören sie zum geistigen Leben dazu. Sie ersetzen aber nicht die 8 bis 10 Minuten am Tag, in denen es selbst laut liest und Rückmeldung bekommt. Nur so baut das Gehirn den Weg von den Buchstaben zur Bedeutung. Beides hat Platz: das Hörbuch am Abend, das Üben am Nachmittag. Verleser nicht falsch korrigieren. Zwei Arten der Korrektur schaden: „Lies den ganzen Satz noch mal“ (das trainiert Raten aus dem Zusammenhang) und ein „Lautier das!“ quer durchs Zimmer. Was hilft, ist die ruhige Korrektur am einzelnen Wort, direkt neben dem Kind, wie in der Routine oben. Nicht mit dem Geschwisterkind vergleichen, dem das Lesen zugeflogen ist. Das wissen die meisten Eltern, und trotzdem rutscht es heraus. Ein Gehirn mit Legasthenie lernt auf demselben Weg lesen wie jedes andere, aber langsamer, mit mehr ausdrücklicher Anleitung und mit viel mehr Mühe für dasselbe Ergebnis. Vergleiche helfen nicht, sie nehmen dem Kind die Lust, weiterzuüben. Shaywitz und andere haben beschrieben, wie viel seelische Last Kinder mit Legasthenie mit in die Lesezeit bringen. Deine Aufgabe ist, die zwanzig Minuten zu Hause zu etwas zu machen, das dein Kind schaffen kann, nicht zu einem Wettbewerb, den es immer wieder verliert.
Wann du eine Fachkraft dazuholen solltest
Die Routine zu Hause ist nötig, aber bei einer echten Legasthenie nicht genug. Irgendwann ist es deine Aufgabe, auf mehr zu drängen, auf einen Lesetest, eine Diagnostik, eine Lerntherapie, statt noch einen Monat zu üben und zu hoffen. Vier Anzeichen, dass es Zeit dafür ist: - Nach 12 Wochen regelmäßiger Übung zu Hause kein messbarer Fortschritt. Das heißt: Routine an fünf Tagen die Woche, dieselbe Reihe von Mustern, und dein Kind liest die Wortliste am Freitag noch genauso mühsam wie am Montag. Das liegt nicht an fehlender Anstrengung, weder an seiner noch an deiner. Es zeigt, dass dein Kind mehr Struktur braucht, als Eltern zu Hause bieten können. - Die Schule hat nicht getestet, und dein Kind ist in der 1. Klasse oder älter. In den USA ist ein Lese-Screening für alle Kinder inzwischen in den meisten Bundesstaaten Standard. In Deutschland gibt es kein einheitliches Screening für alle, also frag selbst. Liegt bis zur Mitte der 1. Klasse keine Einschätzung mit einem standardisierten Lesetest vor, bitte die Klassenlehrkraft schriftlich darum. Was dir in deinem Bundesland zusteht, erklären der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) und seine Landesverbände. In den USA übernimmt das Elternnetzwerk Decoding Dyslexia diese Rolle. - Jemand aus der engen Familie hat eine diagnostizierte Legasthenie. Legasthenie ist stark erblich: Nach Schätzungen des Yale Center for Dyslexia & Creativity gehen etwa 50 % der Unterschiede auf die Gene zurück. Hat ein Elternteil oder Geschwisterkind Legasthenie, solltest du nicht warten, bis die Schule etwas meldet. - Das Ausweichen wird stärker. Ein Kind, das vor der Lesezeit weint, sagt, es sei „dumm“, oder vor dem Lesen Bauchweh bekommt, zeigt dir, dass der jetzige Weg für es nicht funktioniert. Dann braucht es eine Fachkraft, nicht nur mehr Minuten. So gehst du vor, in dieser Reihenfolge: Bitte die Schule schriftlich um eine Einschätzung mit einem Lesetest. Die Schule kann die schulpsychologische Beratungsstelle hinzuziehen, du kannst dich dort auch selbst melden. Zeigt sich ein Risiko, bitte die Kinderärztin oder den Kinderarzt um eine Überweisung zur Diagnostik: in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, an ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) oder zu einer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Dauert das, kann eine private Lerndiagnostik die Zeit überbrücken. Steht die Diagnose, dräng auf Förderunterricht und Nachteilsausgleich nach dem LRS-Erlass deines Bundeslandes und auf eine außerschulische Lerntherapie. Die kann das Jugendamt bezahlen, wenn die Legasthenie dein Kind auch seelisch belastet (Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII). Qualifizierte Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten findest du über den BVL und den Fachverband für integrative Lerntherapie (FiL). In Österreich ist die Schulpsychologie die erste Anlaufstelle, in der Schweiz die Schulische Heilpädagogik, die Logopädie und der Schulpsychologische Dienst. Mehr zur Diagnose steht noch einmal unter Anzeichen für Legasthenie bei Kindern.
Wo eine Lese-App hineinpasst und wo nicht
Läuft die Routine, ist für die meisten Familien die Regelmäßigkeit der Engpass: Schaffst du es, an jedem Schultag zwanzig Minuten genau zuzuhören, neben Arbeit, Geschwistern und Abendessen? Eine Lese-App verdient ihren Platz, wenn sie an den Tagen das Zuhören übernimmt, an denen du es nicht kannst, ohne bei den Buchstaben und Lauten abzukürzen. Was eine Lese-App für ein Kind mit Legasthenie ehrlich leisten kann: - Passende, lautgetreue Texte liefern, damit das Üben beim Muster bleibt und nicht zu Heften abdriftet, in denen man aus dem Bild rät. - Zuhören und das laute Lesen Wort für Wort bewerten, damit das Kind sofort Rückmeldung bekommt, ohne dass jede Minute ein Erwachsener danebensitzt. - Zeigen, wo das Kind stolpert, damit du deine Einheiten gezielt vorbereiten kannst, statt zu raten. - Das tägliche Üben an den Tagen sichern, an denen du keine zwanzig Minuten dabeisitzen kannst, und das sind in den meisten Familien die meisten Schultage. Was eine Lese-App nicht leisten kann: - Eine Lerntherapie ersetzen. Systematische Förderung durch eine ausgebildete Fachkraft, ob nach Orton-Gillingham oder nach einem deutschen Ansatz, ist bei einer diagnostizierten Legasthenie das, was durch Studien gestützt ist. Keine App ersetzt das. - Legasthenie diagnostizieren. Standardisierte Tests gehören in Schulen, Praxen und Kliniken, nicht in Apps für zu Hause. Wenn du einen Verdacht hast, dräng auf eine Abklärung. - Buchstaben und Laute von Grund auf beibringen. Eine Lese-App gibt einem Kind etwas zu lesen und eine Rückmeldung dazu. Sie setzt voraus, dass irgendwo ein systematischer Leselehrgang läuft, in der Schule, in der Lerntherapie oder in einem Programm, das Eltern zu Hause durchführen. Readigo, die App hinter dieser Seite, wurde für Kinder von 6 bis 12 Jahren mit genau diesem Ziel gebaut. Der Drache Igo hört zu, während dein Kind laut liest. Die App bewertet jeden Satz nach Genauigkeit, Leseflüssigkeit, Lesetempo und Deutlichkeit, markiert die Wörter, an denen dein Kind hängen geblieben ist, und fasst die Woche für dich im Elternbereich zusammen. Readigo unterstützt das tägliche Üben, ersetzt aber keine Diagnose und keine Lerntherapie. Die App macht nur wahrscheinlicher, dass die täglichen zwanzig Minuten auch an den Tagen stattfinden, an denen deine eigene Kraft nicht reicht. Eine Grenze musst du kennen: Die Geschichten in Readigo sind derzeit auf Englisch, deutsche Geschichten sind in Vorbereitung. Die deutsche Wortliste und das deutsche Erstlesebuch aus der Routine oben kann die App also heute noch nicht übernehmen, und bei einer LRS geht es gerade um das deutsche Lesen. Sinnvoll ist Readigo, sobald dein Kind in der Schule Englisch lesen lernt, denn die unregelmäßige englische Schreibung fällt vielen Kindern mit Legasthenie schwer. (Worauf du bei einer Lese-App für ein Kind mit Legasthenie achten solltest, steht ausführlicher unter Die beste Lese-App bei Legasthenie.) Eine allgemeine Checkliste, mit der du jede Lese-App prüfen kannst, findest du unter Wie du Lese-Apps bewertest.
Zusammenarbeit mit Schule und Lerntherapie
Du übst zu Hause, die Fachkraft arbeitet in ihren Stunden, und beide sollten an denselben Mustern zur selben Zeit arbeiten. Selten hört eine Seite einfach auf. Häufiger laufen beide auseinander, und die zwanzig Minuten zu Hause festigen nicht mehr, was am Dienstag in der Lerntherapie dran war. Drei Gewohnheiten halten beides zusammen. - Frag die Lerntherapeutin oder die Förderlehrkraft, nach welchem Aufbau sie arbeitet. Kieler Leseaufbau, Reuter-Liehr, Orton-Gillingham, Wilson: Jedes Programm hat eine feste Abfolge. Du musst es nicht im Detail kennen. Du musst wissen, an welchen Mustern dein Kind diese Woche arbeitet, damit die Wortliste zu Hause dazu passt. - Tauscht einmal pro Woche eine Zeile Notizen aus. Etwa: Muster letzte Woche: kurzes a vor nd. Stolpert noch bei: Str-, Pf-. Sicher bei: -and, -all. Die meisten Fachkräfte schreiben solche Notizen ohnehin. Bitte darum, dass du sie in einer Form bekommst, mit der du arbeiten kannst. - Halte die Routine zu Hause schriftlich fest. Wenn du einmal mehr Unterstützung durchsetzen musst, einen Nachteilsausgleich, einen Förderplan oder die Kostenübernahme der Lerntherapie beim Jugendamt, ist ein Protokoll der letzten drei Monate das glaubwürdigste Beweisstück, das du mitbringen kannst. Datum, Dauer, geübtes Muster, ob dein Kind die Routine geschafft hat. Eine einfache Notiz auf dem Handy reicht. Zwei Gespräche lohnen sich früh, mit der Klassenlehrkraft und der Schulleitung. Erstens: Wurde mein Kind mit einem standardisierten Lesetest eingeschätzt, und mit welchem Ergebnis? Zweitens: Wenn sich ein Risiko zeigt, wie sieht der Förderplan der Schule konkret aus, und wann schauen wir gemeinsam auf die Fortschritte? Beides sind berechtigte Fragen, und beide bringen die Schule vom Abwarten zu einem Plan. Der rote Faden: Du leitest die Leseförderung deines Kindes wie ein Projekt, du führst sie nicht selbst durch. Das tun die Lerntherapie, die Lehrkraft und das systematische Programm. Deine Stärke liegt darin, jeden Tag für die Übung da zu sein, die richtigen Fragen zu stellen und festzuhalten, was passiert. Wie die einzelnen Bereiche des Lesenlernens zu Hause zusammenspielen, steht im großen Ratgeber Wie bringe ich meinem Kind das Lesen bei?.
Quellen
- National Reading Panel (2000) - Teaching Children to Read
- Shaywitz, S. (2003, 2020) - Overcoming Dyslexia
- Yale Center for Dyslexia & Creativity
- International Dyslexia Association - Structured Literacy Fact Sheet
- Samuels, S. J. (1979) - The method of repeated readings
- Ehri, L. (2014) - Orthographic Mapping in the Acquisition of Sight Word Reading
- Snow, C., Burns, S., & Griffin, P. (1998) - Preventing Reading Difficulties in Young Children (National Research Council)
- Mississippi Department of Education - Early Literacy and Literacy-Based Promotion Act
- Decoding Dyslexia - parent advocacy network