Ist Legasthenie erblich?

Kurze Antwort: Ja. Legasthenie ist stark erblich. Hat ein Elternteil Legasthenie, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 30 bis 50 %, dass das Kind sie auch hat. Nach Schätzungen der International Dyslexia Association, eines US-Verbands, zeigt bis zu jedes fünfte Kind Anzeichen davon. Mehrere Gene beeinflussen, wie das Gehirn die Laute der Sprache verarbeitet. Je früher Eltern die Anzeichen ernst nehmen und mit systematischer Förderung an Buchstaben und Lauten beginnen, desto besser verläuft die Entwicklung.

Demo

Was die App bei einem kurzen Text hört

Die Demo startet von selbst. Der Text leuchtet Wort für Wort auf, so wie die App einem Kind beim lauten Lesen folgt. Wo das Kind stockt, geht es langsamer weiter. Das Beispiel ist auf Deutsch, die Geschichten in der App sind derzeit auf Englisch, deutsche sind in Vorbereitung.

Hört zu

Der Fuchs Milo fand einen roten Papierdrachen, der hoch in der alten Eiche feststeckte, und zog daran, bis er sich löste.

Schwierige Wörter werden orange markiert.

Was die Genforschung zeigt

Legasthenie tritt in Familien gehäuft auf. Zwillings- und Familienstudien, die Sally Shaywitz vom Yale Center for Dyslexia and Creativity zusammenfasst, zeigen eine Wahrscheinlichkeit von 30 bis 50 %, dass dein Kind betroffen ist, wenn du es bist. Haben beide Eltern Legasthenie, steigt das Risiko weiter. Die International Dyslexia Association (IDA), ein US-Verband, schätzt, dass bis zu jedes fünfte Kind einige ihrer Anzeichen zeigt. Damit gilt Legasthenie als die häufigste Lernstörung. In der Schule begegnet dir meist der Begriff LRS (Lese-Rechtschreib-Schwäche), gemeint ist der Förderbedarf. Die Diagnose dagegen heißt Legasthenie oder Lese-Rechtschreib-Störung.

Genetisch ist Legasthenie polygen: Es gibt nicht das eine „Legasthenie-Gen“. Mehrere Genvarianten beeinflussen, wie das heranwachsende Gehirn Laute verarbeitet und ihnen Buchstaben zuordnet. Untersuchungen mit funktioneller MRT von Shaywitz und ihrem Team zeigen bei Menschen mit Legasthenie andere Aktivierungsmuster im Lesenetzwerk der linken Hirnhälfte. Das gilt unabhängig von Intelligenz und Herkunft.

Legasthenie in der Familie ist das stärkste einzelne Frühsignal

War Lesen für dich, deine Geschwister oder deine Eltern schwer, nimm frühe Anzeichen bei deinem Kind ernst. Die diagnostischen Leitlinien der IDA nennen die Familiengeschichte als einen der wichtigsten Risikofaktoren, lange vor dem Schulstart. Warte nicht, bis die Schule etwas meldet. Bis eine LRS festgestellt wird, hat ein Kind oft schon ein, zwei Jahre Misserfolg hinter sich, und die Scham sitzt tief.

Frühe Anzeichen im Kita-Alter: Schwierigkeiten beim Reimen, Buchstaben werden nur langsam gelernt, der Wortschatz wächst langsam, ähnlich klingende Wörter werden verwechselt. In der 1. Klasse, wenn der Leseunterricht beginnt: Buchstaben und Laute lassen sich schwer verbinden, das Lesen bleibt langsam, Wörter werden nach dem ersten Buchstaben geraten, lautes Lesen wird vermieden. Bei deutschsprachigen Kindern fällt vor allem das Tempo auf. Forschende aus Salzburg um Heinz Wimmer haben gezeigt, dass sie bei Leseschwierigkeiten meist richtig, aber sehr langsam lesen. Keines dieser Anzeichen allein bedeutet Legasthenie. Zusammen mit Legasthenie in der Familie sind sie ein Grund für eine Abklärung.

Was hilft

Am besten belegt ist systematische, aufbauende Förderung: ausdrücklicher Unterricht in phonologischer Bewusstheit und Buchstaben-Laut-Zuordnung, wie ihn das US-amerikanische National Reading Panel (2000) beschreibt und wie ihn die amerikanische Orton-Gillingham-Tradition verfeinert hat. Gute LRS-Förderung und Lerntherapie arbeiten im deutschsprachigen Raum nach demselben Prinzip. Wörter aus dem Zusammenhang zu erraten, wie es viele US-Schulen unter dem Namen „Balanced Literacy“ lange gelehrt haben, ist nicht der Weg. Maryanne Wolf sagt es in Proust and the Squid deutlich: Ein Gehirn mit Legasthenie muss das Lesen direkt und immer wieder beigebracht bekommen.

Das tägliche laute Lesen mit Rückmeldung ist die Gewohnheit, die dabei die meiste Arbeit leistet. Mark Seidenberg vertritt in Language at the Speed of Sight die Ansicht, dass die richtige Förderung, früh angesetzt (in den USA vom Kindergartenjahr bis zur 2. Klasse, bei uns also vor allem in den ersten beiden Schuljahren), den größten Teil der Lücke schließt. Wer bis zur 4. Klasse wartet, sieht die Lücke schnell wachsen. Deshalb zählt die Familiengeschichte: Sie erlaubt dir, mit der richtigen Übung anzufangen, bevor die Schule ein Problem feststellt.

Wann eine Abklärung sinnvoll ist

Gibt es Legasthenie in der Familie und zeigt dein Kind bis Mitte der 1. Klasse zwei oder mehr der frühen Anzeichen, sprich mit der Klassenlehrkraft und bitte die Schule schriftlich um eine LRS-Überprüfung. Die schulpsychologische Beratungsstelle hilft dabei. Die Diagnose stellen eine Kinder- und Jugendpsychiatrie, ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) oder eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, meist auf Überweisung der Kinderarztpraxis, und die Abklärung zahlt in der Regel die Krankenkasse. Mit der Diagnose bekommst du konkrete Empfehlungen. Förderung und Nachteilsausgleich in der Schule regelt der LRS-Erlass deines Bundeslandes, eine Lerntherapie kann das Jugendamt unter bestimmten Voraussetzungen als Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII bezahlen. Rat dazu gibt der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL).

Legasthenie verschwindet nicht, aber sie lässt sich gut bewältigen. Viele erfolgreiche Menschen in Literatur, Wissenschaft und Wirtschaft haben Legasthenie, das dokumentiert Shaywitz' Arbeit ausführlich. Mit systematischer Förderung und täglicher Übung wird das Risiko, das du vielleicht weitergegeben hast, zu einer Eigenschaft, mit der man gut leben kann, und nicht zu einer Grenze.

Was Legasthenie nicht ist

Legasthenie ist kein Sehproblem. Die alte Vorstellung, Kinder mit Legasthenie würden „Buchstaben spiegelverkehrt sehen“, ist ein Mythos. Buchstabendreher wie b und d sind bei allen Schreibanfängern normal. Bei Legasthenie halten sie sich länger, weil dahinter eine andere Verarbeitung der Laute steckt, kein Problem der Augen. Augenübungen und farbige Folien beheben keine Legasthenie, systematischer Unterricht in der Buchstaben-Laut-Zuordnung hilft. Die Übersichtsarbeit von Castles, Rastle und Nation (2018) fasst die Belege zusammen.

Legasthenie hat nichts mit geringer Intelligenz zu tun. Die Yale-Studien finden Menschen mit Legasthenie über die gesamte Bandbreite des IQ. Es ist eine umschriebene Lernstörung, keine allgemeine. Viele Kinder mit Legasthenie sind klug genug, sie jahrelang über den Zusammenhang, ihr Gedächtnis und erkannte Muster auszugleichen. Deshalb kommt die Diagnose oft erst in der 3. oder 4. Klasse, wenn die Texte schwerer werden. Wer um die Legasthenie in der Familie weiß, schaut früher hin.

Und Legasthenie ist nicht deine Schuld. Sie wird über die Gene weitergegeben. In der Hand hast du, was danach kommt: früh hinschauen, systematisch fördern lassen, jeden Tag mit Rückmeldung laut lesen und deinem Kind erklären, dass Lesen für sein Gehirn auf diese bestimmte Art schwer ist und sich die Mühe lohnt.

Verwandte Fragen

  • Wenn ich Legasthenie habe, bekommt mein Kind sie auch?

    Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 30 bis 50 %, nach Zwillings- und Familienstudien, die Sally Shaywitz und das Yale Center for Dyslexia zusammenfassen. Sind beide Eltern betroffen, ist sie höher. Eine Gewissheit ist das nicht, aber Grund genug, auf frühe Anzeichen zu achten (Schwierigkeiten beim Reimen, langsames Buchstabenlernen) und früh mit systematischer Förderung an Buchstaben und Lauten anzufangen, statt zu warten, bis die Schule ein Problem meldet.

  • Wie häufig ist Legasthenie?

    Die International Dyslexia Association, ein US-Verband, schätzt, dass etwa eines von fünf Kindern, grob 20 % der Bevölkerung, irgendwo im Spektrum der Legasthenie liegt. Engere Definitionen, wie sie in Deutschland üblich sind, kommen auf weniger. Legasthenie gilt als die häufigste Lernstörung und kommt in allen Sprachen, Kulturen und auf allen Intelligenzstufen vor.

  • Kann sich Legasthenie verwachsen?

    Nein. Legasthenie ist ein lebenslanger Unterschied darin, wie das Gehirn Sprache verarbeitet. Mit Förderung, die früh beginnt, am besten vor der 3. Klasse, lernen die meisten Kinder flüssig lesen, und im Alltag wird die Legasthenie schnell weniger spürbar. Erwachsene mit Legasthenie entwickeln oft gute Strategien und lesen in ihren Interessengebieten ausgezeichnet.

  • Ab welchem Alter lässt sich Legasthenie erkennen?

    Ein Risiko lässt sich schon mit 4 bis 5 Jahren erkennen, über eine Überprüfung der phonologischen Bewusstheit (Reimen, Laute zusammenschleifen). Viele Kitas üben das im Vorschuljahr, etwa mit dem Würzburger Trainingsprogramm „Hören, lauschen, lernen“. Die Diagnose kommt meist zwischen 6 und 8 Jahren, wenn der Leseunterricht läuft. Gibt es Legasthenie in der Familie, schau früh hin. Um mit systematischer Förderung an Buchstaben und Lauten anzufangen, brauchst du keine Diagnose.

  • Hilft eine App für lautes Lesen Kindern mit Legasthenie?

    Sie kann beim Üben der Leseflüssigkeit helfen, als Teil der Förderung. Tägliches lautes Lesen mit Rückmeldung ist eine der Säulen des Lesens (National Reading Panel, 2000) und zu Hause Tag für Tag schwer durchzuhalten. Readigo ist für 6 bis 12 Jahre gemacht und gibt Rückmeldung Wort für Wort nach Buchstaben-Laut-Regeln. Die Geschichten sind derzeit auf Englisch, deutsches Lesen bewertet die App noch nicht. Readigo unterstützt das Üben, ersetzt aber keine Diagnose und keine Lerntherapie.

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Aktualisiert am 2026-10-03.